Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.
Carolina freut sich auf das, was nach Weihnachten kommt. Nicht auf das Fest selbst, sondern auf den Moment danach, wenn alles erledigt ist und nichts mehr erwartet wird. Die letzten Deadlines im Job sind geschafft, die Weihnachtsfeiern in Schule und Kita überstanden, der Baum steht, das Haus ist dekoriert, die Geschenke liegen verpackt bereit.
Auch das Essen ist organisiert, durchdacht und kuratiert, glutenfrei, zuckerreduziert, bio, vegan, regional, damit am Ende möglichst alle zufrieden sind. Es war viel, schnell und laut in den letzten Tagen. Jetzt soll es endlich leise werden.
Was Carolina sich wünscht, ist kein großes Programm, sondern ein Rückzug. Ein Film mit den Kindern auf dem Sofa, ein gutes Buch, das nicht unterbrochen wird, Tage, die nicht verplant sind. Ein entspannter Jahresausklang ohne Anspruch. Vielleicht Sauna. Höchstens Sauna.
Phillip kommt aus einer ganz anderen Richtung. Er hat viel gearbeitet, ist gereist, war selten da und oft nur halb anwesend. Jetzt ist er endlich angekommen, im Dezember, im Zuhause, in seiner Familie. Und er will Bewegung.
Zeit mit den Kindern, Eisbahn, Weihnachtsmarkt, Freunde sehen, Türen öffnen, Leben spüren. Die Playlist läuft durchgehend, als müsste sie das Versäumte aufholen. Für Silvester ist ein Babysitter organisiert, eine Einladung angenommen. Endlich wieder ausgehen, tanzen, lachen, Carolina ausführen und das Leben feiern.
Zwischen ihren Erwartungen entsteht eine Spannung, die sich kaum übersehen lässt. Carolina fühlt sich überfordert von neuen Plänen in einem Moment, der sich nach Pause anfühlen sollte. Phillip fühlt sich ausgebremst, weil die freie Zeit plötzlich so still ist. Beide haben recht, und beide sind enttäuscht.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich zeigt, dass das sogenannte normale Leben nicht einfach pausiert, nur weil das Jahr endet. Es ist eingebettet in Strukturen, in Rollenbilder und Vorstellungen davon, wie der Alltag, aber insbesondere auch diese Tage auszusehen haben. Ruhe zum auftanken oder gemeinsame Aktivität als Zeichen von Verbundenheit.
Dazwischen sind Janick und Theo, sieben und fünf Jahre alt. Sie kennen keine Jahresrückblicke, keine Vorsätze, keine Konzepte von Erholung oder Ausgleich. Sie spüren nur, ob die Stimmung trägt oder kippt, ob Zeit gemeinsam ist oder fragmentiert. Mal wollen sie Trubel, mal einfach nur sein - aber auf keinen Fall Streit.
Zwischen Ruhe und Party liegt keine Entscheidung, sondern ein Spektrum. Ein Nachmittag ohne Plan und ein Abend mit Freunden. Ein leiser Vormittag und ein lautes Silvester. Ein Film auf dem Sofa und ein paar Stunden Tanz, wenn alle damit einverstanden sind. Das Leben ist selten entweder oder. Es ist fast immer sowohl als auch.
Es ist nicht einfach, diese unterschiedlichen Bedürfnisse zusammenzuhalten. Es erfordert Gespräche, Geduld und das Aushalten von Differenz. Aber es ist möglich.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Luxus dieser Zeit, nicht die perfekte Entschleunigung und auch nicht das volle Programm, sondern die Bereitschaft, im Dialog zu bleiben. Zwischen Rückzug und Begegnung, zwischen Stille und Musik. Und sich daran zu erinnern, dass ein guter Jahresausklang nicht still oder laut sein muss, sondern gemeinsam.