Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.
Es beginnt mit einer E-Mail, wie so oft. Betreff: „Rückmeldung dringend“. – Karolin sitzt im Büro, der Vormittag ist schon voller kleiner Feuer, die gelöscht werden müssen. Sie schaut auf die Uhr. 11:42 Uhr. Wieder keine Antwort von Melli. Dabei müsste die Information längst raus an den Kunden. Wie kann man nur so unzuverlässig sein, denkt sie und spürt, wie sich Ärger und Ohnmacht zu einem festen Knoten in der Brust verbinden.
Melli hingegen sitzt zu Hause am Schreibtisch, das Fenster gekippt, der Laptop aufgeklappt, das Telefon stumm. Sie arbeitet konzentriert an einer Konzeptskizze, genau an jenem Projekt, das Karolin beschäftigt. Ihre Mails hat sie bewusst geschlossen. Zu viele Unterbrechungen, zu viele Erwartungen, zu viel ständiges Reagieren. Sie will einmal in Ruhe arbeiten. Doch Ruhe wird schnell als Distanz gelesen. Und Distanz als Desinteresse.
Letzte Woche hat Melli absichtlich nicht geantwortet. Sie war genervt, fühlte sich gedrängt und wollte eine Grenze aufzeigen. Für sie war das ein stilles Signal: Ich arbeite, aber nicht im Takt anderer. Für Karolin hingegen war es der Beweis, dass Melli sich entzieht. Als Karolin schließlich das Gespräch sucht, ist der Boden schon brüchig. Vertrauen ist das Erste, was in solchen Momenten schwindet. Dabei hatte alles so kollegial begonnen.
In der Aussprache sitzen beide sich gegenüber, die Atmosphäre ist angespannt. Es wird laut, dann leise. Sie erzählen, wie es ihnen geht, was sie brauchen, was sie vermissen. Es geht nicht mehr nur um Mails, sondern um Sichtbarkeit. Um Kontrolle. Um das Bedürfnis, wahrgenommen und verlässlich zu sein. Karolin fühlt sich allein gelassen. Melli fühlt sich bevormundet. Beide wollen Anerkennung, aber auf unterschiedliche Weise.
Als schließlich alles auf dem Tisch liegt, die Vorwürfe, die Verletzungen, die Bedürfnisse, breitet sich für einen Moment Stille aus. Beide sind frustriert. Es fühlt sich nicht nach Lösung an, sondern nach Überforderung. Manchmal ist das der schwerste Punkt, wenn man endlich alles gesagt hat und merkt, dass man trotzdem noch keinen Schritt weiter ist.
Doch genau dort beginnt Klärung. Im Reden, im Zuhören, im Aushalten. Warum ist eine Rückmeldung für die eine so entscheidend? Warum ist Ruhe für die andere so überlebenswichtig? Und was bedeutet Vertrauen, wenn man sich selten begegnet?
Langsam entsteht ein neues Verständnis. Transparenz ist keine Kontrolle, sondern Kommunikation. Absprachen sind keine Einschränkung, sondern Orientierung. Und Vertrauen wächst nicht durch Mails, sondern durch Begegnungen.
Ein paar Wochen später treffen sich beide zufällig im Büroflur. Kein großes Gespräch, kein Workshop, nur ein kurzer Moment des Wiedersehens. "Schön, dich mal wieder live zu sehen", sagt Karolin. Und zum ersten Mal seit Langem lächeln beide.