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Verlorenes Vertrauen Wenn Gespräche zu spät kommen

Montag, 13. April 2026
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Über die Autorin

Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.

Anne ist seit über zwanzig Jahren in diesem Unternehmen. Sie hat Strukturen mitgebaut, die gut funktionieren und das Miteinander stützen. Wenn etwas nicht rund läuft, weiß sie meistens warum und oft auch, wie es sich reparieren lässt. Das ist keine Selbstüberhöhung. Das ist einfach so.

Enno kam von außen. Er wurde geholt, weil er woanders Dinge bewegt hatte, die bewegungsbedürftig waren. Moderne Arbeitsweisen, Selbstverantwortung, frischer Blick. Die Geschäftsführung hatte sich das gewünscht und Enno hatte Referenzen, die das belegten. Er erzählte davon auch gerne. Vielleicht etwas zu gerne. Jedenfalls mehr, als er fragte. Das war vielleicht der erste Fehler. Nicht der einzige, aber der entscheidende.

Enno begann dort, wo er sich sicher fühlte: Bei den Mitarbeitenden. Er ging ins Gespräch, er regte an, er gewann Sympathien. Was er nicht tat, zumindest nicht rechtzeitig, war den Weg zu Anne zu suchen. Was für ihn wie ein offenes Ankommen aussah, las sich für Anne wie eine Umgehung. Ein neuer Chef, der sich erst um alle anderen kümmert, statt zuerst das Gespräch mit der Teamleitung zu suchen – das ist keine Kleinigkeit. Das ist eine Aussage. Auch wenn sie nicht so gemeint war.

In Konflikten ist die Absicht bekanntermaßen das eine, die Wirkung das andere. Anne begann zu blockieren. Gemeinsam mit anderen Teamleitungen, die ihre eigenen Vorbehalte mitbrachten. Allianzen entstehen nicht im Vakuum, sondern dort, wo das Vertrauen fehlt.

„Enno spricht eine andere Sprache“, sagte Anne. Er sei irgendwie empathielos. Das ist ein hartes Wort und gleichzeitig eines, das ernst genommen werden will, als Hinweis darauf, was zwischen den beiden nicht funktionierte: keine gemeinsame Sprache, kein gemeinsames Bild, keine Basis, auf der Verständigung möglich gewesen wäre.

Sie versuchten es trotzdem. Ein Gespräch, das klären sollte, was im Grunde schon nicht mehr zu klären war und es zeigte sich, was solche Gespräche zeigen, wenn sie zu spät kommen: dass Worte allein nichts mehr richten können, wenn das Vertrauen bereits zerrüttet ist.

Das liegt nicht daran, dass die beiden nicht wollten. Es liegt daran, dass der Moment, in dem man hätte aufeinander zugehen können, ungenutzt verstrichen war. Diese Momente haben ein Fenster und wenn es zu ist, ist es zu.

Was dann noch möglich ist, liegt auf einer anderen Ebene. Gemeinsam mit der Geschäftsführung wurde ein struktureller Weg gefunden. Die Rollen und Verantwortungen wurden neu gedacht, Spielräume so gestaltet, dass Anne und Enno sich weniger in die Quere kamen. Und dann verhandelten die beiden etwas, das ich in Mediationen immer wieder als Gewinn für beide Seiten erkenne: wie man sich respektvoll aus dem Weg geht.

Nicht feindlich oder mit großer Geste, sondern mit wohlwollender Klarheit. Manchmal ist das Klügste, was Menschen tun können, miteinander auszuhandeln, mögliche Berührungspunkte zu minimieren. Das ist den beiden gelungen und es trat eine Entspannung ein, die letztlich auch durch veränderte Anforderungen von außen begünstigt wurde. Es gibt immer auch eine Außenwelt, die oft hilfreich hinein spielt.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass guter Wille kein Ersatz für rechtzeitiges Handeln ist und dass eine Trennung keine Niederlage sein muss, sondern pragmatisch zu Entspannung der Situation führen kann. Und dass strukturelle Lösungen nicht das Gegenteil von zwischenmenschlichen Lösungen sind, sondern manchmal die menschlichste Antwort, die noch möglich ist.

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