Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.
Jenny ist 42 Jahre alt und leitet ein Team in einem mittelständischen Unternehmen mit rund dreißig Mitarbeitenden. Als sie zum Coaching kommt, liegt eine besonders belastende Woche hinter ihr. Einige Tage zuvor ist eine Situation im Büro eskaliert. In einer Besprechung wurden Vorwürfe laut, Stimmen wurden lauter, die Stimmung kippte.
Was genau gesagt wurde, ist dabei fast nebensächlich. Entscheidend ist, dass Jenny das Büro an diesem Tag schockiert verlassen hat. Nicht, weil sie Konflikte grundsätzlich scheut. Als Führungskraft ist sie Auseinandersetzungen gewohnt. Aber die Intensität der Situation und die Wucht der Emotionen haben sie überrascht. Sie merkte, dass sie Abstand braucht, um einzuordnen, was dort eigentlich passiert ist. Deshalb sitzt sie nun bei mir.
Neben diesem Vorfall bringt sie eine ganze Reihe weiterer Themen mit. Die Fluktuation ist hoch, der Krankenstand ebenfalls. Mehrere Mitarbeitende haben gekündigt. Immer wieder fällt dabei der Vorwurf, der Chef trete aggressiv auf. Jenny selbst kann das nur schwer nachvollziehen, weil sie ihn anders erlebt.
Gleichzeitig wird ein Betriebsrat gegründet, ein wichtiges Projekt wegen fehlender Mittel gestoppt und im Unternehmen macht sich spürbare Unsicherheit breit. Nichts davon ist für sich genommen außergewöhnlich. Doch wenn mehrere solcher Entwicklungen gleichzeitig auftreten, reagieren Menschen empfindlicher aufeinander, Konflikte werden sichtbarer und die Frage nach der Zukunft nimmt mehr Raum ein als die eigentliche Arbeit.
Im Coaching beginnen wir damit, die Situation gemeinsam zu reflektieren. Wir sortieren die unterschiedlichen Konfliktlinien, betrachten die Dynamiken im Unternehmen und versuchen zu verstehen, welche Themen tatsächlich zusammenhängen und welche lediglich zeitgleich auftreten. Dabei zeigt sich, dass verschiedene Entwicklungen ineinandergreifen, ohne dieselbe Ursache zu haben. Allein diese Differenzierung schafft bereits Entlastung.
Während wir über die Situation sprechen, frage ich Jenny nach ihren Ressourcen. Die Frage überrascht sie zunächst, denn gedanklich ist sie vollkommen im Unternehmen. Dann beginnt sie von ihrem Mann zu erzählen, von ihren Kindern Karl, fünf Jahre alt, und Frieda, acht Jahre alt, und von einem Familienleben, das sie als ausgelassen und glücklich beschreibt.
Die Wohnung sei inzwischen längst zu klein geworden, sagt sie lachend. Vier Menschen auf zweieinhalb Zimmern. Trotzdem kommt ein Umzug kaum infrage. Zu wichtig sind die Menschen geworden, die sie umgeben: Freunde, Nachbarn und andere Familien aus dem Kiez. Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, auf die Kinder aufpassen, spontan auf einen Kaffee vorbeikommen oder einfach da sind, wenn Hilfe gebraucht wird.
Je länger Jenny erzählt, desto deutlicher wird, dass genau hier ihre eigentliche Kraftquelle liegt. Die Herausforderungen im Unternehmen verschwinden dadurch nicht. Der Krankenstand bleibt hoch, die Unsicherheit spürbar und auch die Konflikte werden sich nicht von selbst lösen. Aber sie verlieren ihren Katastrophencharakter. Sie werden wieder zu dem, was sie sind: schwierige berufliche Aufgaben, die bearbeitet werden müssen.
Ich erlebe immer wieder, wie groß der Unterschied ist zwischen Menschen, die zusätzlich privat um Stabilität kämpfen, und denen, die sich in ihrem persönlichen Umfeld getragen fühlen. Wer gleichzeitig Beziehungsprobleme, Einsamkeit oder familiäre Konflikte bewältigen muss, erlebt berufliche Krisen oft als überwältigend. Wer dagegen auf ein stabiles Netz aus Beziehungen zurückgreifen kann, hat einen Ort, an dem Sorgen geteilt werden und neue Energie entsteht.
Vielleicht fällt mir das gerade deshalb so auf, weil die Welt außerhalb dieser kleinen Alltagsgeschichten oft so unruhig wirkt. Nachrichten berichten von Krisen, Kriegen und gesellschaftlichen Spannungen. Auch viele Unternehmen befinden sich in Phasen großer Veränderung. Umso hoffnungsvoller erscheinen mir die Begegnungen mit Menschen wie Jenny. Mit Familien, die sich gegenseitig unterstützen, mit Paaren, die Verantwortung miteinander tragen, und mit Nachbarschaften, in denen Verbundenheit nicht nur ein schönes Wort ist, sondern gelebter Alltag.
Solche Beziehungen lösen keine wirtschaftlichen Probleme und ersetzen keine gute Führung. Aber sie schaffen etwas, das in unsicheren Zeiten kaum überschätzt werden kann: das Gefühl, nicht allein zu sein. Und genau dieses Gefühl macht aus einer Krise oft wieder eine Aufgabe, die sich bewältigen lässt.
Als Jenny am Ende unserer Sitzung geht, sind die Probleme im Unternehmen noch immer da. Die Kündigungen haben sich nicht in Luft aufgelöst, die Unsicherheit ist nicht verschwunden und die Konflikte warten weiterhin auf Bearbeitung. Aber ihre Haltung dazu hat sich verändert. Sie blickt wieder differenzierter auf die Situation und erkennt, was in ihrem Einflussbereich liegt und was nicht. Vor allem aber erinnert sie sich daran, dass ihr Leben größer ist als die aktuelle Krise im Büro.
Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Ressourcen unserer Zeit: nicht darin, schwierige Situationen zu vermeiden, sondern in Beziehungen eingebunden zu sein, die uns tragen, wenn sie auftreten. Vielleicht beginnt Zuversicht genau dort. Nicht in der Gewissheit, dass alles gut wird, sondern in der Erfahrung, dass man getragen ist, wenn es einmal nicht gut läuft.