Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.
Florian hat seine Schwester zuletzt vor drei Wochen gesprochen. Nicht weil sie sich nicht mögen, sondern weil er auf ihre Nachrichten nicht antwortet und sie irgendwann aufgehört hat zu schreiben. Dazwischen: ein Unternehmen mit fünfundzwanzig Mitarbeitenden, das auf beiden Namen steht.
Tatjana ist Ende vierzig und hat den Job in diesem Architekturbüro von Grund auf gelernt. Sie war dabei, als die erste große Ausschreibung gewonnen wurde, als der Vater zum ersten Mal sagte, er brauche jemanden, auf den er sich verlassen kann. Das war sie. Heute trägt sie die Geschäftsführung, den Alltag, die Mitarbeitenden, die Deadlines und die Verantwortung für alles, was keiner sonst sehen will. Sie gibt alles, jeden Tag.
Florian ist Bauingenieur, Fachexperte für statische Berechnungen, in seinem Element, wenn es um Tragwerksplanung geht. Was er nicht ist: jemand, der Strategiemeetings für eine gute Idee hält. Er hat eine Frau, zwei kleine Kinder, und wenn er abends nach Hause kommt, möchte er ankommen und nicht weiterarbeiten.
Das Problem ist nicht, dass sie unterschiedlich sind. Das Problem ist, dass sie nicht wissen, wie sie darüber ins Gespräch kommen sollen. Tatjana erlebt Florian als jemanden, der sich entzieht, wenn es um das Gemeinsame geht. Sie schreibt, er antwortet spät oder gar nicht. Florian dagegen erlebt seine Schwester als jemanden, der immer mehr will, immer schneller, immer mehr Austausch, mehr Abstimmung. Er fühlt sich unter Druck und zieht sich zurück. Ein Muster, das sich dreht und dreht, ohne dass sie anhalten können.
Dazu kommt die Gleichzeitigkeit der offenen Fragen. Der Vater wirkt noch im Hintergrund mit, sitzt manchmal unangemeldet im Büro, hat Meinungen zu Projekten, die er eigentlich abgegeben hat. Die Mutter hält ihre Anteile still, möchte sie abgeben, braucht aber eine finanzielle Sicherheit.
Man könnte versuchen, alles auf einmal zu klären: die Kapitalfrage, falls die Mutter ihre Anteile eines Tages nach außen verkaufen müsste, die operative Frage, wer was verantwortet und wer die inhaltliche Expertise einbringt, und die Familienfrage, wie man als Geschwister, als Kinder, überhaupt miteinander sein will. Man könnte. Aber dann verliert man den Faden, und mit dem Faden auch die Chance, irgendetwas davon wirklich zu lösen.
Genau deshalb haben Tatjana und Florian sich für eine Mediation entschieden. Nicht weil sie aufgeben wollen, sondern weil sie merken, dass sie alleine nicht weiterkommen. Und die erste Entscheidung, die sie dort treffen, ist vielleicht die wichtigste: die Themen zu trennen. Kapitalfragen auf der einen Seite, das operative Geschäft auf der anderen, und die Familie als eigene Ebene, auf der Dinge gesagt werden dürfen, die zwischen den Vertragszeilen keinen Platz haben. Denn all das hängt zusammen, natürlich, und trotzdem braucht jedes Thema seinen eigenen Raum, damit es überhaupt gehört werden kann.
Und so beginnen sie nicht mit dem Gesellschaftervertrag oder den Finanzen, sondern mit der Frage, wie sie als Geschwister miteinander umgehen wollen. Was sie voneinander erwarten, wirklich erwarten, jenseits der anderen Rollen. Was sie von den Eltern brauchen. Tatjana spricht darüber, wie allein sie sich manchmal fühlt, trotz allem Engagement, vielleicht sogar seinetwegen. Florian sagt, dass er das Büro liebt, auf seine Art, aber dass er Angst hat, sich darin zu verlieren, wie sein Vater es getan hat. Das ist kein Vorwurf, sondern ein Wunsch. Es ist das erste ehrliche Gespräch seit Monaten.
Vertrauen zwischen Geschwistern, die gemeinsam ein Unternehmen führen, entsteht nicht durch das Unterschreiben von Verträgen. Es entsteht in Momenten wie diesen, wenn jemand sagt, was er wirklich meint, und die andere Person nicht sofort antwortet, sondern erst einmal zuhört. Wenn man aufhört, die Reaktion des anderen vorauszudenken, und anfängt, ihn tatsächlich anzuschauen. Tatjana und Florian befinden sich am Anfang von etwas, das noch keinen Namen hat, aber sie reden wieder miteinander, hören einander zu und sehen sich in die Augen.
Das große Einvernehmen, die klaren Zuständigkeiten, die geregelte Nachfolge, all das wird Zeit brauchen und noch einige Gespräche. Aber der wichtigste Schritt ist getan: Sie haben aufgehört, aneinander vorbeizuarbeiten, und angefangen, miteinander zu sprechen, als das, was sie zuallererst sind. Nicht Gesellschafter, sondern Geschwister.