Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.
Vor vier Monaten musste Diana (42) anfangen, ihr Leben neu zu sortieren. Ihr Mann hatte sich nach vielen gemeinsamen Jahren getrennt, was für Diana überraschend kam, und war kurz darauf mit einer anderen Frau zusammengezogen. Während er offenbar bereits in seinem neuen Leben angekommen war, versuchte Diana noch zu verstehen, wie ihres so plötzlich auseinanderfallen konnte. Neben der emotionalen Achterbahnfahrt organisierte sie den Alltag mit den beiden Kindern und suchte eine neue Wohnung. In Berlin. Wer den Wohnungsmarkt kennt, weiß, dass allein diese Aufgabe ausreichen würde, um einen Menschen an seine Belastungsgrenze zu bringen.
Und trotzdem stand Diana jeden Morgen auf, brachte die Kinder zur Schule und ging zur Arbeit. Sie funktionierte, auch wenn sie sich selbst manchmal kaum wiedererkannte. In dieser Situation hat Diana sich Unterstützung durch ein Coaching gesucht. Dabei ging es nicht nur darum, mit der Trennung und den damit verbundenen Gefühlen umzugehen, sondern auch darum, die verschiedenen Lebensbereiche und ihre Wechselwirkungen in den Blick zu nehmen. Denn was uns privat belastet, bleibt selten vor der Bürotür stehen.
Im Büro wartete nämlich die nächste Herausforderung. Thomas, ein Kollege auf derselben Hierarchieebene, schien sich zunehmend als ihr Vorgesetzter zu verstehen. Er verteilte Aufgaben, traf Entscheidungen und präsentierte Erfolge, die maßgeblich auf Dianas Engagement beruhten, gern als seine eigenen. Als Diana aufgrund ihrer Expertise für ein neues Projekt angefragt wurde, drängt er sich kurzerhand dazwischen. Diana bemerkte das durchaus, aber ihr fehlte schlicht die Kraft, sich auch noch an dieser Front zu behaupten. Bis Janine, eine Kollegin aus derselben Abteilung, die Situation mitbekam und sich einmischte. Sie machte deutlich klar, wessen Leistung hier eigentlich gewürdigt werden müsste. Für Janine ist Fairness keine nette Zugabe im kollegialen Miteinander, sondern eine Selbstverständlichkeit. Und dazu gehört besonders hinzusehen, wenn eine Kollegin Unterstützung braucht.
Was mich an dieser Geschichte besonders berührt, ist die Wirkung, die Janines Eingreifen auf Diana hatte. Denn manchmal brauchen wir jemanden, der uns daran erinnert, wer wir eigentlich sind, wenn wir selbst gerade den Zugang dazu verloren haben. In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie viel Kraft darin liegt, wenn Frauen einander unterstützen. Der viel beschworene Zickenkrieg, der uns so gern als weibliche Besonderheit verkauft wird, begegnet mir erstaunlich selten, eigentlich nie. Viel häufiger erlebe ich Frauen, die einander ermutigen, Wissen teilen, füreinander einstehen und sich gegenseitig Räume öffnen. Natürlich gibt es auch zwischen Frauen Konkurrenz und Machtkämpfe. Aber dieses hartnäckige Klischee weiblicher Rivalität bestätigt sich in meiner Arbeit nicht. Stattdessen beobachte ich, wie selbstverständlich Frauen einander stärken, unterstützen und füreinander einstehen und laut werden.
Für Diana veränderte diese Erfahrung mehr als nur ihre Situation am Arbeitsplatz. Auch im Coaching wurde deutlich, wie eng die verschiedenen Lebensbereiche miteinander verwoben sind und wie sehr Veränderung in einem Bereich auf andere ausstrahlen. Sie begann, sich wieder als kompetente, eigenständige Frau wahrzunehmen und nicht ausschließlich als diejenige, die verlassen wurde und nun irgendwie alles zusammenhalten muss. Dieses wiedergewonnene Selbstbewusstsein nahm sie auch mit nach Hause. Ihr wurde bewusst, dass die Kinder keine Mutter brauchen, die immer stark ist und alles allein schaffen muss. Sie dürfen erleben, dass ihre Mutter Unterstützung annimmt, für ihre Interessen einsteht und trotz aller Unsicherheit ihren eigenen Weg findet.
Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erfahrungen, die wir unseren Kindern mitgeben können: Stärke bedeutet nicht, alles allein bewältigen zu müssen. Diana hat durch Janines Unterstützung weder ihre Trennung verarbeitet noch eine neue Wohnung gefunden. Aber sie hat etwas wiederentdeckt, das ihr zwischen all den Anforderungen abhandengekommen war: das Vertrauen in sich selbst. Und während sich dieses Vertrauen langsam wieder einrichtet, darf die passende Berliner Wohnung gern noch folgen. Möglichst mit drei Zimmern, Balkon und bezahlbarer Miete.