Nikolas Feireiss ist Journalist mit Fokus auf Interior, Fashion und Gardening. Mit Antje Gohlke gründete er Acca Collective, das Beratung und Expertise für authentisches, zeitgemäßes Wohnen bietet. Für Creme Guides schreibt er in seiner Interior-Kolumne über internationale Strömungen und deren Übersetzung in individuelle Konzepte.
Wenn im April der Salone del Mobile, die weltweit wichtigste Möbelmesse, stattfindet, wird ganz Mailand zum Showroom. 1.900 Marken aus 32 Ländern präsentierten sich in diesem Jahr. Weit über 300.000 Besucher aus 167 Ländern kamen, um zu sehen, was es Neues auf dem Möbelmarkt gibt. Der Salone del Mobile ist das Seismografenzentrum des Wohnens. Was dort gezeigt wird, findet sich morgen in Hotels, Wohnungen und Designstudios wieder.
In Sachen Stil, lässiger Eleganz und Designbewusstsein ist Mailand für mich mit keiner anderen Stadt vergleichbar – und das zwölf Monate im Jahr. Ganz unabhängig davon ob gerade Fashion Week ist oder der Salone del Mobile stattfindet. Mailand versteht Stil nicht als Option, sondern als Haltung. Deshalb nutzen die Bescherinnen und Besuch des Salone die ersten Frühlingstage nicht nur, um schöne und besondere Möbel zu entdecken, sondern auch, um zum ersten Mal ihrer Sommergarderobe auszuführen. Möbel, Mode, Mailand – das sind untrennbare Begriffe.
Die etwas außerhalb gelegene Messe Fiera Milano Rho mit ihren Hallen ist dabei das Pflichtprogramm für Fachleute. In der Stadt von einem Showroom zum nächsten zu schlendern, weiter in Shops oder Bars, die zur Salone mit besonderen Installationen und Kooperationen überraschen – das ist die Kür für alle, die sich für Design interessieren.
In der Chloé-Boutique wurde etwa gemeinsam mit Poltronova auf felligem Flokati der „Tomato Chair“ präsentiert – ein Comeback des 1970 von Christian Adam entworfenen Sessels, dessen Form stark an eine Fleischtomate erinnert.
Wie Design, Mode, Möbel und Lebensart in Mailand verschmelzen, zeigt auch Marni noch bis zum 15. Juli in der traditionellen Pasticceria Cucchi unter dem Label Marni x Cucchi. Geschirr, Verpackungen und die Uniformen des Personals wurden von Marnis neuer Kreativdirektorin Meryll Rogge entworfen. Typisch mailändisch-italienische Lebensart – vom morgendlichen Cappuccino über den Espresso an der Theke bis hin zum Aperitivo – wird hier auf stilvoll höchstem Niveau geboten.
Besonders viel zu entdecken gibt es im Brera-Quartier, dem Durini District, in Tortona und in der Gegend rund um Porta Venezia. Mein persönliches Highlight dort ist Spotti, ein Möbelgeschäft, das mit seinen sehr besonderen und modernen Interiors überzeugt. In diesem Jahr wurde die Möbelkollektion "Core" für SEM von Hannes Peer präsentiert. Die acht Möbelstücke aus Mahagoni, Palisander oder Kirsche sind eine Hommage an das Holz: Tische, Sideboards, Sessel und ein besonders beeindruckender Totem-Schrank entstehen gewissermaßen in digitaler Handarbeit. In 3D-Modellen werden bewusst Unregelmäßigkeiten angelegt, die fertigen Unikate später manuell nachbearbeitet. Naturholz ist übrigens in vielen Ausstellungen präsent und bildet einen bewussten Kontrast zu anderen Materialien.
Unmöglich, in den sechs Tagen der Salone alles zu sehen. Es bleibt nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden – und dafür umso mehr zu genießen, dass quasi an jeder Ecke der Innenstadt eine Design-Überraschung wartet. Stunde für Stunde. Tag für Tag bildet sich aus der Summe der Eindrücke dann auch ein Gefühl für neue Tendenzen heraus.
So viele glänzende Oberflächen hat man zum Beispiel lange nicht mehr gesehen. Spiegelnde Tischplatten, Sideboards oder Schränke bringen Licht in Räume und wirken in ihrer neuen Interpretation nicht industriell, sondern im Gegenteil ausgesprochen elegant. Edelstahl bildet bei Sesseln und Sofas einen spannenden Kontrast zu weichen Polstern, die oft auch dekorative Falten werfen. Das ist neu und wirkt schon optisch einladend und gemütlich. Komfort und anspruchsvolles Design sollen kein Widerspruch sein. Das war nicht immer so.
Ein anderes Thema ist Nostalgie. Sie reicht bis in die fünfziger Jahre, und auch Zitate aus den Siebzigern und den frühen 2000er Jahren sind zu sehen. Die Lackoberflächen sind dafür ein Beispiel. Vor allem Accessoires und Farben erinnern an die fünfziger und siebziger Jahre: Braun, Burgunder, Honiggelb oder Pistaziengrün. Farbiges Glas, Teppiche, Keramikobjekte sowie Holz und Natursteine schaffen Atmosphäre. Karos, florale Anklänge und ornamentale Details setzen Akzente auf Teppichen, Polstern und Wänden. Mode und Möbel inspirieren sich dabei gegenseitig – vieles, was sich in Interiors zeigt, findet sich auch in den Schaufenstern von Gucci oder Prada wieder.
Auch der Mix aus aktuellen und Vintage-Stücken gehört – wie in der Mode – zur neuen Modernität. Die Kunst des Interior-Stylings besteht darin, Räume nicht alt, sondern atmosphärisch wirken zu lassen. Das Wohnen, die Einrichtung soll Seele haben.