Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.
Eigentlich hatten sie alles richtig gemacht. Frieda ist 34, Nico ist 36. Als sie sich fanden, war für beide sofort klar, was das ist. Die Art von Gewissheit, die man nicht erklärt, die man einfach hat. Sie wollten heiraten, eine Familie gründen. Und weil beide beruflich erfolgreich waren, kauften sie gemeinsam eine Wohnung. Eine schöne Berliner Altbauwohnung, mit hohen Decken und dem stillen Versprechen, dass dort etwas wachsen wird. Die Eltern gaben einen Zuschuss, für den Rest wurde ein Kredit aufgenommen. Das klang nach: Wir machen das.
Die Familie blieb aus. Nicht weil sie es nicht wollten, sondern weil der Körper manchmal andere Pläne hat. Es gab Behandlungen, Hoffnungen und Enttäuschungen und wieder Hoffnungen. Diesen besonderen Erschöpfungszustand, den man kaum benennen kann, weil er sich aus zu vielen kleinen Niederlagen zusammensetzt, die alle für sich zu unbedeutend wirken, um wirklich zu zählen.
Dann kam der Hund. Er wirbelte alles durcheinander, auf die beste Art, die man sich vorstellen kann. Frieda nahm ihn mit ins Büro und was dort passierte, war vielleicht was Verbindendes: Türen blieben länger offen, Kollegen blieben stehen, Gespräche entstanden, die sonst nicht entstanden wären. Ein Hund im Büro ist ein kleines Wunder an Verbindung. Für Nico wurde der Hund zur Laufbegleitung. Abends durch den Park, an den Wochenenden über Feldwege, immer gemeinsam, immer schweigend, ohne Fragen und Erwartungen und das tat gut.
Aber manchmal reicht auch das nicht. Manchmal wächst die Erschöpfung über das Gemeinsame hinaus. Manchmal zieht sich jemand so weit in sich zurück, dass der andere ihn nicht mehr findet. Nicht aus Bosheit, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil Verlust, wenn er immer wiederkehrt, irgendwann etwas in einem schließt. Frieda und Nico haben sich nicht gestritten. Sie sind einfach auseinandergedriftet, leise und unaufhaltsam, wie zwei Boote, deren Leine sich gelöst hat.
Jetzt stehen sie vor dem, worüber kaum jemand spricht, bevor es so weit ist. Wer unverheiratet zusammenlebt, lebt in einer rechtlichen Leerstelle. Es gibt kein Scheidungsrecht, keine automatische Regelung für gemeinsames Eigentum, keinen gesetzlichen Rahmen für das, was sie in Jahren aufgebaut haben. Eine Wohnung im gemeinsamen Grundbuch. Ein Kredit, der beide bindet. Ein Hund, der juristisch Sache ist und emotional alles andere.
Sie kamen zur Mediation. Nicht als letzte Möglichkeit, sondern weil jemand in ihrem Umfeld wusste, dass es diesen Weg gibt. Dass man nicht gegeneinander antreten muss, sondern dass es einen Raum geben kann, in dem zwei Menschen, die sich einmal geliebt haben, gemeinsam entscheiden, wie es weitergeht.
Sie besprachen den Grundbucheintrag, die Ablösung des Kredits, und wie der Hund künftig zwischen beiden pendelt. Weil sie auch gemeinsame Freunde haben, sprachen sie auch darüber. Sie fanden einen Weg sich zu begegnen, wenn andere dabei sind und wie sie miteinander kommunizieren, wenn es nötig ist.
Am Ende haben sie das selbst entschieden. Nicht eine Richterin, nicht das Gesetz, sondern sie beide gemeinsam. Ich glaube, dass gute Mediation genau dort beginnt, wo der rechtliche Rahmen aufhört. Dass Menschen, die das Leben gemeinsam aufgebaut haben, einen fairen Weg verdienen, um es auseinander zu dividieren.