Nikolas Feireiss ist Journalist mit Fokus auf Interior, Fashion und Gardening. Mit Antje Gohlke gründete er Acca Collective, das Beratung und Expertise für authentisches, zeitgemäßes Wohnen bietet. Für Creme Guides schreibt er in seiner Interior-Kolumne über internationale Strömungen und deren Übersetzung in individuelle Konzepte.
Wussten Sie, dass Blumen glücklich machen? Studien zeigen, dass Blumen sich auf unser eigenes emotionales Wohlbefinden positiv auswirken. Außerdem schätzen wir Menschen, die einen bunten Strauß Blumen dabeihaben, als fröhlicher, warmherziger und sogar verlässlicher ein. Und natürlich gehören Blumen zu einem schönen Ambiente. Sie geben einem Raum etwas, das Möbel allein nicht können: Leben. Im Sommer ist die Blumen-Auswahl besonders groß.
Der wöchentliche Gang zum Markt, um Blumen zu kaufen, ist ein schönes Ritual für mich geworden. Und ich habe sogar einen Kurs besucht, um zu lernen, wie die berühmte Spiraltechnik des Bindens funktioniert, mir fehlt dafür aber Geduld und Talent. Floristinnen und Floristen haben ihr Handwerk mehrere Jahre gelernt. Sie sind Meisterinnen ihres Faches. Wenn ich einen repräsentativen Strauß verschenken möchte, überlasse ich das den Profis.
Zuhause arrangiere ich meine Blumen direkt in der Vase. Ich bilde mir ein, dass meine Sträuße dadurch besonders „natürlich“ wirken, was durchaus trendy ist. Wie in der Mode und im Interior Design gibt es auch in der Floristik Trends. Der klassische Biedermeierstrauß mit seiner strengen Ordnung gilt als etwas altmodisch. Moderne Floristen arbeiten lockerer. In ihren Sträußen haben die Blumen unterschiedliche Höhen, neigen sich zur Seite, jede einzelne Blüte soll sichtbar bleiben und ihre eigene Persönlichkeit entfalten können.
Ein Strauß muss nicht mehr vom ersten bis zum letzten Tag gleich aussehen. Im Gegenteil. Er darf sich verändern. Knospen öffnen sich, andere Blüten verblühen dekorativ. Tulpen wachsen, Mohnblüten verlieren ihre Strenge und Pfingstrosen entfalten erst nach einigen Tagen ihre ganze Pracht. Ein Blumenstrauß wird so zu einer kleinen Inszenierung auf Zeit. Besonders beliebt ist die Mischung aus heimischen und exotischen Sorten: Tulpen neben Anthurien, Rittersporn neben Strelitzien oder Rosen neben Nelken.
Kein Strauß ohne Vase, und damit werden die Blumen noch mehr zum Teil des Interiors. Vasen sind Wohnaccessoires, die zum Strauß und zur Einrichtung passen sollten. Ich stelle gerne mehrere kleine Vasen in einer Reihe und als Gruppe zusammen. Drei oder fünf Gefäße mit jeweils nur einer oder zwei Blüten sind dekorativ und wirken lässiger als ein üppiges Bouquet. Außerdem lässt sich diese Form des Dekorierens leicht verändern und ist ziemlich unaufwendig. Eine neue Blüte hier, ein Zweig dort – schon entsteht ein anderes Bild.
Nicht jede Vase ist für jede Art von Arrangement geeignet. Vasen kann ich deshalb nicht genug haben. Oft sind sie auch schon blumenlos dekorativ. Zwei Vasenmodelle gehören zu meinen Lieblingen: Die erste ist die berühmte Savoy-Vase von Alvar Aalto. Der finnische Architekt entwarf sie in den 1930er-Jahren. 1937 wurde sie auf der Weltausstellung in Paris vorgestellt und ausgezeichnet. Später stellte Aalto sie in dem von ihm gestalteten Savoy-Restaurant in Helsinki auf die Tische. Dort wurden die Vasen angeblich mehr bewundert als das Essen.
Wer die Savoy-Vase betrachtet, versteht, warum. Ihre organischen Rundungen erinnern an die Form finnischer Seen. Sie zwingt Blumen nicht in eine Ordnung, sondern lässt sie natürlich fallen und wachsen. Für einen streng gebundenen Strauß ist sie denkbar ungeeignet. Genau das macht sie bis heute so modern. Meine zweite Lieblingsvase stammt von der Keramikerin Hedwig Bollhagen. Ihre bauchige, schwarz-weiß gestreifte Vase „369“ aus den 1930er-Jahren folgt den Ideen des Bauhauses. Sie besitzt eine wunderbare Proportion, beinahe so breit wie hoch.
Während die Aalto-Vase die Blumen in Bewegung bringt, schafft die Bollhagen-Vase Ordnung. In ihr wirken auch Biedermeiersträuße nicht altmodisch, sondern zeitlos schön. Vielleicht ist das die eigentliche Lektion, die Blumen für das Wohnen bereithalten: Nicht Perfektion macht Räume schön, sondern Lebendigkeit. Blumen bringen Bewegung in eine Einrichtung. Sie verändern sich täglich, überraschen uns und erinnern daran, dass sich auch unser Zuhause mit uns weiterentwickeln sollte.