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Mutter & Tochter Nähe neu gestalten

Montag, 26. Oktober 2026
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Über die Autorin

Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.

Wenn Brigitte von ihrer letzten Radreise erzählt, klingt sie wie eine Frau, die das Leben in vollen Zügen genießt. Mit 79 Jahren ist sie viel unterwegs, besucht Theater und Konzerte, reist mit Freundinnen und hat einen gut gefüllten Kalender. Ihre Tochter Suse, Anfang fünfzig, beneidet sie manchmal um diese Freiheit. Während Brigitte die nächste Reise plant, beschäftigt sich Suse mit Studienplätzen, der Finanzierung von Auslandsjahren und der Wohnungssuche ihrer erwachsen werdenden Kinder.

Dazu kommen ihr Beruf, ihr Mann Holger, der Hund und ein Ehrenamt. „Meine Mutter hat eigentlich mehr Freizeitstress als ich“, sagt Suse nachdenklich, denn es fällt ihr schwer zu verstehen, dass Brigitte bei all ihren Unternehmungen trotzdem so oft das Gefühl hat, dass ihre Tochter zu wenig Zeit für sie hat. Und warum fühlt sich Suse bei fast jedem Telefonat wie eine Tochter, die ihrer Mutter etwas schuldig bleibt?

„Wenn ich meine Mutter anrufe, kommt fast immer der Satz, dass ich mich ja auch mal wieder melden könnte“, erzählt Suse. „Dabei habe ich doch gerade angerufen!“ Sie merkt selbst, wie heftig sie darauf reagiert. Den ganzen Tag wird etwas von ihr erwartet, im Beruf, von den Kindern, oft auch von Holger. Bei ihrer Mutter möchte sie nicht auch noch das Gefühl haben, etwas leisten zu müssen. Brigitte schaut überrascht. „Ich sage das doch nur, weil ich mich freue.“ Dann schweigt sie. Es fällt ihr schwer, über ihre Gefühle zu sprechen. Sie war immer eine selbstständige Frau, die vieles mit sich selbst ausgemacht hat. Auch jetzt möchte sie nicht bedürftig erscheinen.

Auf Suses Wunsch haben beide eine Mediation vereinbart. Brigitte war sofort einverstanden und ist nach Berlin gereist. Dabei geht es nicht darum, die Familiengeschichte aufzuarbeiten oder alte Verletzungen aus der Kindheit zu heilen. Das kann ein Anliegen für eine Familientherapie sein. Mediation richtet den Blick vor allem auf die Gegenwart und Zukunft: Welche Erwartungen haben beide aneinander, wo entstehen Missverständnisse und wie möchten sie ihre Beziehung künftig gestalten?

Weil Brigitte nur schwer Worte für das findet, was sie bewegt, arbeiten wir mit einer Materialaufstellung. Auf dem Tisch liegen Muscheln, Steine und kleine Holzfiguren. Beide Frauen gestalten damit ein Bild ihres Lebens und ihrer Beziehungen. Brigitte stellt ihre Figur in die Mitte, umgeben von Muscheln für ihre Freundinnen, Steinen für Reisen, Kultur und all das, was ihr Freude macht. Es ist ein reiches, buntes Bild. Doch zwischen ihrer Figur und den anderen Dingen bleibt auffallend viel Raum. „Eigentlich stehe ich da ziemlich allein“, sagt sie nach einer Weile. Suse betrachtet die Aufstellung ihrer Mutter lange.

Ihr eigenes Bild sieht anders aus. Ihre Figur steht zwischen Holger, den Kindern, ihrem Beruf und vielen weiteren Verpflichtungen. Alles ist eng miteinander verbunden. Doch in Richtung ihrer Mutter hat Suse bewusst einen Weg freigelassen. „Da ist Platz für dich“, sagt sie. „Ich möchte nur selbst entscheiden können, wann und wie wir uns begegnen.“ Brigitte schaut auf die beiden Bilder und versteht, dass zwischen all den Anforderungen und Beziehungen von Suse ein Weg wie eine Sichtachse frei ist zum Symbol der Mutter. Suse wiederum begreift, dass ein ausgefülltes Leben nicht bedeutet, sich niemals einsam zu fühlen.

Am Ende der Mediation steht kein fester Telefonplan. Brigitte möchte künftig deutlicher sagen, wenn sie ihre Tochter vermisst, und Suse versuchen, darin nicht sofort einen Vorwurf zu hören. Beide wissen, dass ihnen das nicht immer gelingen wird. Aber die Bilder auf dem Tisch haben etwas sichtbar gemacht, wofür ihnen zuvor die Worte fehlten. Vielleicht beginnt eine neue Nähe genau dort, wo Mutter und Tochter aufhören, voneinander zu erwarten, dass die andere doch eigentlich wissen müsste, was die jeweils andere braucht. Und stattdessen wieder neugierig darauf werden, wer die andere heute ist.

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