Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.
Heike ist Mitte fünfzig und Geschäftsführerin eines sozialen Trägers. Sie weiß, warum sie diesen Job macht. Die Überzeugung ist da, die Energie war es lange auch. Sie mag die Menschen, mit denen sie arbeitet, wirklich. Das ist keine Phrase bei ihr, das ist spürbar. Und genau das macht ihre Situation so vertrackt.
Jens, ihr Stellvertreter, kämpft mit einer chronischen Erkrankung und ist phasenweise nicht so da, so wie er da sein möchte und eigentlich müsste. Doris, die Sekretärin, pflegt ihre Mutter, die zunehmend Unterstützung braucht und das zieht an ihr und lässt sie immer wieder ausfallen. Kathi aus dem Leitungsteam ist schwanger. Eine komplizierte Schwangerschaft, mit Terminen, die sich häufen, mit Ausfällen, die sich einfach nicht planen lassen und vor allem mit Ungewissheit und Angst.
Und Meike, die Koordinatorin, ist alleinerziehend, mit drei Kindern und einem Vater, der sich nicht kümmert, sodass jedes kranke Kind automatisch bedeutet, dass Meike ausfällt. Jede dieser Situationen ist für sich genommen nachvollziehbar, menschlich und nichts davon ist Nachlässigkeit oder übertrieben. Alle diese Menschen geben ihr Bestes, das weiß Heike. Und trotzdem landen am Ende alle Lücken bei ihr.
Das Besondere an Heikes Situation ist nicht, dass sie einfach überarbeitet ist, sondern dass sie überarbeitet ist und gleichzeitig absolutes Verständnis für jede Situation hat. Sie trägt keine Ressentiments, keine Bitterkeit, keine heimliche Erschöpfungswut auf die anderen. Stattdessen übernimmt sie, einfach weil sie es kann. Hinzu kommt ein Druck von außen: angekündigte Kürzungen und politische Ungewissheit.
Im Coaching erzählt Heike, dass sie spät abends noch am Schreibtisch sitzt, wenn alle anderen längst weg sind. Ihr fehlt die Erholung und manchmal merkt sie, wie sie weniger präsent ist, weniger klar – manchmal richtig ungeduldig. Was wir im Coaching gemeinsam tun, ist kein schnelles Reparieren.
Es beginnt mit einer einfachen Übung: wir schreiben gemeinsam auf, was sie in einer Woche alles übernimmt, und markieren dann, was davon eigentlich zu einem anderen Menschen hätte gehört. Nicht um zu klagen, sondern um zu visualisieren. Sehen ist der erste Schritt, denn viele Menschen in fürsorglichen Rollen haben eine erstaunliche Fähigkeit entwickelt, das Übernehmen so selbstverständlich zu machen, dass es unsichtbar wird. Erst wenn es sichtbar ist, lässt sich damit arbeiten.
Dann kommt das, was schwieriger ist: das Üben von Nein, oder genauer, das Üben von Grenzen in der konkreten Situation, nicht als abstrakte Entschlossenheit, sondern als gelebter Satz, ausgesprochen in dem Moment, in dem die nächste Anforderung auftaucht. Was sagt Heike, wenn Jens wieder einen Termin abgeben muss? Was sagt sie zu sich selbst?
Wir arbeiten mit klaren Formulierungen, die keine Entschuldigung enthalten. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Für jemanden wie Heike, die gewohnt ist, Lösungen anzubieten, statt Grenzen zu benennen, fühlt sich ein nüchternes „Das kann ich diese Woche nicht auffangen, da müssen wir gemeinsam eine andere Lösung finden” anfangs wie eine kleine Niederlage an. Es ist keine.
Parallel dazu suchen wir nach Ressourcen, die sie tragen und stärken. Was gibt ihr Energie? Oft sind es unscheinbare Dinge, ein Spaziergang, ein Gespräch, das nichts mit der Arbeit zu tun hat oder mal wieder ein Roman, statt des nächsten Fachbuches. Resilienz ist kein Charakterzug, den man entweder hat oder nicht hat. Sie entsteht in der Summe kleiner Gewohnheiten, die man pflegen kann.
Was Heike mitbringt, ist bemerkenswert. Sie hat eine Wärme, die spürbar ist, eine echte Zugewandtheit, die ihr Team trägt und die auch schwierige Phasen überbrückbar macht. Das ist etwas besonderes und schützenswertes, denn Wärme und Zugewandtheit halten nur so lange, wie sie nicht auf Kosten der eigenen Substanz gehen. Die Stärke, die Heike hat, verdient Schutz. Nicht weil sie das für ihr Team schuldig ist, sondern weil eine Führungskraft, die sich selbst nicht mehr halten kann, am Ende auch die anderen nicht mehr hält.