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Zuverlässigkeit Pünktlichkeit ist eine Frage der Haltung

Dienstag, 01. September 2026
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Über die Autorin

Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.

In letzter Zeit fällt mir immer häufiger auf, wie selbstverständlich Unpünktlichkeit geworden ist. Ich erlebe es in Veranstaltungen und Seminaren und höre Ähnliches von meinen Kundinnen und Kunden. Nicht fünf Minuten, weil irgendwo die Bahn steht oder man keinen Parkplatz gefunden hat. Sondern zwanzig, dreißig oder manchmal sogar sechzig Minuten und erstaunlich oft scheint das für die Betroffenen selbst gar kein besonders großes Problem zu sein.

Letzte Woche war ich Dozentin bei einer zweitägigen Veranstaltung. Am zweiten Tag kam eine Teilnehmerin fast eine halbe Stunde zu spät. Sie erklärte mir, sie sei morgens noch sehr müde gewesen und habe deshalb erst einmal Sport gemacht, um wieder fit zu werden. Nun sei sie ja da. Kurz darauf kam eine andere Teilnehmerin, die davon ausgegangen war, dass wir erst um 9.30 Uhr beginnen würden und nicht um 9 Uhr.

Ein paar Tage zuvor kam ein Kollege eine Stunde zu spät, weil seine Bahn nicht fuhr und ich finde, das ist etwas anderes, denn damit muss man heute rechnen und natürlich ist es entschuldigt, wenn es um die Deutsche Bahn geht. Was mich viel mehr beschäftigt als die Verspätung selbst, ist die Gelassenheit, mit der Menschen mir in solchen Situationen begegnen. Als wäre Zeit etwas, das man einfach verschieben kann. Die eigene und die der anderen.

Vielleicht ist Zuspätkommen so ärgerlich, weil es selten nur um die verlorenen Minuten geht, sondern um verletzte Erwartung an Verlässlichkeit und daran ist die Frage nach Wertschätzung geknüpft. Bin ich der Zeit des anderen wichtig genug, dass ich pünktlich erscheine? Dazu kommt noch etwas anderes: Wer wartet, ist in eine passive Position gezwungen.

Man kann nicht richtig anfangen, nicht richtig weitergehen und oft auch nichts anderes tun. Die eigene Zeitplanung liegt plötzlich in den Händen eines anderen. Das kann ein unangenehmes Gefühl sein. Vielleicht entsteht daraus ein Teil des Ärgers. Ärger fühlt sich schließlich besser an als Hilflosigkeit, weil er uns zumindest das Gefühl gibt, etwas tun zu können.

Und natürlich spielt auch die eigene Haltung zur Zeit eine Rolle. Wer selbst großen Wert auf Pünktlichkeit legt, erlebt zehn Minuten Verspätung anders als jemand, für den Zeit eher eine grobe Orientierung ist. Der eine empfindet es als Regelverstoß, der andere registriert es kaum.

Das habe ich vergangene Woche selbst erlebt. Ich war auf dem Weg zu einem Termin und hatte wie immer ausreichend Puffer eingeplant. Mein Auto hatte einen Platten. Ich schaffte es gerade noch bis zu einer Tankstelle, dort war allerdings das Luftdruckgerät kaputt. Kurzerhand habe ich meinen Mann angerufen, der mich zum nächsten Miles brachte, und ich kam pünktlich an.

Während ich im Mietauto saß, musste ich an die vielen Zuspätkommer der vergangenen Zeit denken. Und plötzlich war ich ganz gelassen. Vielleicht weil ich selbst erlebt hatte, dass Dinge schiefgehen können, obwohl man alles richtig machen möchte.

Verlässlich zu sein bedeutet schließlich nicht, dass immer alles nach Plan läuft. Es bedeutet vielleicht eher, dass ich die Auswirkungen meines Handelns auf andere mitdenke. Dass ich Bescheid sage, wenn es nicht reicht. Dass ich mich bemühe, eine Lösung zu finden. Und dass mir bewusst ist, dass jemand auf mich wartet.

Pünktlichkeit ist deshalb vielleicht weniger eine Frage der Uhr als eine Frage der Haltung. Es geht nicht darum, dass wir immer pünktlich sein müssen. Es geht darum, ob wir die Zeit des anderen als etwas betrachten, das genauso wertvoll ist wie unsere eigene.

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