Wie beginnt man so ein Lesejahr? Verlängert man die von manchen als Auszeit wahrgenommene Zeit zwischen den Jahren und unterbricht die alltäglichen Gewohnheiten, setzt sich gerade jetzt öfter mal hin, liest und geht in sich? Die selten mit hyperaktiven Aufforderungsgesten durchsetzten Monate Januar und Februar bieten sich für lange Lesephasen, für Kontemplation und dauernde Leseversenkung ja geradezu an.
Der Januar ist ja eh schon lange der tugendhafteste Monat überhaupt. Die Vorsätze für das ganze Jahr sind noch ungebrochen, der Wille zum Neubeginn intakt. Es ist ein Monat des Optimismus, ein Monat, in dem alles geschafft werden kann, in dem Gräuel, Trägheit und Unglück verblassen, ein Monat, in dem es uns gelingt, uns auf das zu konzentrieren, was uns ausmacht.
Damit dieser Fokus auch hält, möglichst das ganze Jahr ein Januar wird, empfehle ich Ihnen, sich von den Guten Momenten von Mely Kiyak begleiten zu lassen. Das Schwerste daran wird sein, diese Kolumnen nicht in einem Rutsch herunter-, weg- oder durchzulesen.
Es ist zwar sehr wohltuend, diese Guten Momente in einem Atemzug zu inhalieren, aber es ist dennoch eine sündhafte Textvöllerei. Ihre nachhaltigste Wirkung entfalten diese Texte, wenn man sie als Begleiter versteht, wenn man sie in die Tasche steckt und bei Gelegenheit herauszieht, mal eine dieser erhebenden Geschichten liest und wirken lässt, dem langen Abgang nachspürt, der in all diesen Momenten steckt.
Mely Kiyak erzählt die alltäglichsten Geschichten, erzählt von uns fernsten Menschen, ist in der Stadt und auf dem Land unterwegs, am Meer und im Internet, sie sorgt sich um ihre Familie (und ist auch genervt von ihr), empört sich mal, aber liest auch und hört Musik. All das mit dem Anspruch an sich selbst, nicht zu verzagen, bloß nicht dem Ressentiment Raum zu geben, offen zu bleiben für die Welt und die Mitmenschen, höflich zu sein und nicht zu verhärten.
Das können wir uns natürlich alles auch selbst anschauen, und wir sehen solche Szenen ja auch täglich in unserer Umgebung, begegnen ebenso herzlichen wie trompetenden Leuten. Aber die meisten von uns besitzen eben nicht die Fähigkeit wie Mely Kiyak, solche Blicke und Gespräche auch zu erzählen, sie zu vielsagenden Momenten zu verdichten. Selbst dem banalsten Geschehen ringt diese Ausnahmeautorin eine Pointe und Erzählbarkeit ab.
Noch das kleinste Erlebnischen im Bus versteht sie in einem größeren Kontext zu verorten, der da eben nicht ist Infrastrukturzerfall oder wirtschaftliche Regression, wie wir es von früh bis spät zu hören bekommen, sondern hier geht es um Menschlichkeit oder Unmenschlichkeit. Kiyak erzählt von Begegnungen, ihre Guten Momente sind solche, bei denen man einander in die Augen sieht.
Was man hier lacht und Freude hat an dieser chamagnerprickelnden Leichtigkeit! Mely Kiyak treibt einem die Tränen in die Augen, vor Freude und vor Trauer über diese Hymnen des Alltags.