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Alte Nationalgalerie Unsere Sommer-Serie der Berliner Kunst-Institutionen

Mittwoch, 04. August 2021
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Adresse

Alte Nationalgalerie
Bodestraße
10178 Berlin-Mitte
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Wir starten nachdenklich und konzentriert in den August mit unserer Serie über Berliner Kunstinstitutionen, denn es geht um die Sonderausstellung und langfristige Kooperation der Gerhard Richter Kunststiftung mit der Alten Nationalgalerie.

Das auf der Museumsinsel thronende ehrwürdige Gebäude, zwischen 1867 und 1876 nach Plänen von August Stüler und unter der Leitung von Heinrich Strack erbaut, ist normalerweise für seine umfangreiche Epochensammlung von Kunstwerken bekannt, die zwischen der Französischen Revolution und dem Erstem Weltkrieg, sowie zwischen Klassizismus und Sezession entstanden sind.

Möglichkeiten der Malerei

Die tiefen Einblicke in die Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die man bei einem Rundgang durch das Haus bekommt, werden seit März diesen Jahres von Gerhard Richters “Birkenau Zyklus“ gleich einer klaffenden Wunde aufgebrochen.

Als am 27. Januar 1945 die Truppen der Roten Armee Deutschlands größtes Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreite, bot sich Ihnen ein Bild unvorstellbaren Grauens. Ist es überhaupt möglich, einen solchen systematischen, unfassbaren Völkermord an bis zu sechs Millionen Juden und Jüdinnen künstlerisch darzustellen, bzw. darf man das?

Caspar David Friedrich, The Monk by the Sea, 1808-10
Gerhard Richter, Birkenau, 2014l auf Leinwand, 260 x 200 cm GERHARD RICHTER KUNSTSTIFTUNG
Gerhard Richter, Birkenau, 2014 l auf Leinwand, 260 x 200 cm GERHARD RICHTER KUNSTSTIFTUNG

Diese Frage wurde in Deutschland schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs heftig diskutiert und von einer Vielzahl Kunstschaffender kategorisch abgelehnt. Gerhard Richter setzte sich ab 1957 immer wieder in seinem Werk mit dem Holocaust auseinander. Sein “Birkenau Zyklus“ entstand durch seinen Kontakt zu Georges Didi-Hubermann und einer jahrelangen Auseinandersetzung mit dessen Buch “Bilder trotz allem (2008)“, das die vier Fotografien enthielt die Gerhard Richter später in einem ersten Schritt auf vier Leinwände übertrug.

Danach übermalte er diese vier figurativen Bilder Stück für Stück, die davor unter anderem Leichen der zuvor in den Gaskammern ermordete Lagerinsassen in einem Waldstück, sowie nackte, auf dem Weg zur Gaskammer befindliche Frauen zeigten. Die Fotos wurden damals heimlich von einem Häftling aufgenommen.

Und damit stehen wir nun in einem unangenehm grellem Raum vor der Frage: Was kann und/oder muss (?) gezeigt und nicht gezeigt werden in der Malerei?

Im Fall von Gerhard Richter “verwandte dieser seine seit Jahren von ihm eingesetzte Maltechnik, bei der er zunächst mit Pinseln Farbe aufträgt und diese anschließend mit einer Rakel verteilt, oder wieder abkratzt.” Ein Vorgang der mehrfach wiederholt wurde und damit ja, systematisch, die gemalte fotografische Vorlage verschwinden lässt, bis diese unsichtbar wurde. 

“Angesichts des Grauens und des unfassbaren Verbrechens gegen die Menschlichkeit, das mit dem Holocaust verbunden ist, entsteht bei Gerhard Richter also ein Abstraktionsprozess, der in eine Weigerung der direkten Abbildung mündet. Mit diesem Prozess fand Gerhard Richter einen Weg, auf dokumentarisches Material zurückzugreifen, ohne es direkt zu zeigen. Das Figurative und das Abstrakte schließen sich in diesen Werken jedoch nicht aus. Vielmehr eröffnet Richter einen entstehenden Raum zwischen Zeigen und Nicht-Zeigen. Es ist ein Art Zwischenraum, der malerisch, ästhetisch und gedanklich ein weites Feld an Reflexionen ermöglicht.”

Gegenüber den vier “Birkenau“ Bildern steht ein großer vierteiliger Spiegel, der darauf verweist, dass Richters Bilder sich fast nie als “reine Ansichten oder Blicke durch ein Fenster begreifen lassen, sondern immer zugleich auf eine Realität vor dem Bild verweisen. In diesem Sinne verfolgt Gerhard Richter mit dem Grauen Spiegel, der gegenüber der vier „Birkenau“-Bilder platziert ist, eine weitere Ebene der Auseinandersetzung. Auf diese Weise werden aber nicht nur die vier Gemälde und die damit aufgerufenen Kontexte reflektiert, sondern auch wir selbst, die Betrachtenden der Bilder und des Spiegels.”

Ab 2023 wird es um die 100 weitere Werke des wahrscheinlich bedeutendsten zeitgenössischen deutschen Künstlers permanent in einem eigenen Gerhard Richter-Raum in einem der Häuser der Nationalgalerie in Berlin zu sehen geben.

Dem ist erst einmal nichts hinzuzufügen, außer der Aufforderung, sich in die Alte Nationalgalerie zu begeben und sich mit eben jenem “Birkenau Zyklus“ bewusst auseinanderzusetzen, anzusehen und, ja, auch auszuhalten. Die Büste “Der Denker“ (1881-83) von Auguste Rodin oder der am Meer stehenden Mönch (1808-10) von Caspar David Friedrich passen gut in die ernste Stimmung und Geisteshaltung dieser Ausgabe von #Kulturfindetstadt.

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