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Teamkonflikte Die Themen hinter den Themen

Dienstag, 21. Juli 2026
teamkonflikte

Über die Autorin

Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.

Seit einigen Monaten begleite ich ein Team aus dem Gesundheitsbereich in einer fortlaufenden Supervision. Es ist eines dieser Teams, die man gerade vielerorts findet. Ein Team, das über Jahre gewachsen ist und sich gleichzeitig immer wieder neu zusammensetzen muss. Einige Frauen arbeiten dort seit Jahrzehnten, andere sind erst vor Kurzem hinzugekommen. Und obwohl sie unterschiedliche Lebensgeschichten mitbringen, begegnet mir bei fast allen dieselbe Frage: Wie lange kann ich das noch so machen?

Dabei beginnen die Gespräche selten mit dieser großen Frage, sondern eher mit überschaubaren wie der Frage nach dem Urlaubsplan und Urlaubswünschen. Mit der Frage, wer in den Herbstferien frei bekommt und wer schon wieder einspringen muss. Mit Sätzen wie: „Das war doch letztes Jahr auch schon so.“ Oder: „Ich habe das Gefühl, dass immer dieselben Rücksicht nehmen.“ Von außen betrachtet wirken diese Gespräche erstaunlich klein. Doch wer länger zuhört, merkt schnell, dass sie selten von Urlaubstagen handeln.

Suse sitzt dann meist etwas nach vorne gebeugt am Tisch. Ende vierzig, organisiert, zuverlässig und mit dieser besonderen Fähigkeit ausgestattet, die Bedürfnisse aller im Blick zu behalten. Sie koordiniert vieles im Team und gehört zu den Menschen, die oft schon eine Lösung suchen, während andere das Problem noch formulieren. Es ist deutlich zu sehen, dass sie allen gerecht werden möchte und dass genau darin ihre Erschöpfung liegt.

Judith hingegen ist erst seit wenigen Monaten dabei. Frisch aus dem Studium, aufmerksam und mit einer angenehmen Mischung aus Neugier und Unsicherheit. Sie macht sich viele Gedanken und möchte alles richtig machen. Manchmal entschuldigt sie sich, noch bevor überhaupt jemand verärgert sein könnte. Sie ist in ein Team gekommen, dessen Geschichte sie nicht kennt. Sie sieht lediglich das Heute und versucht, darin ihren Platz zu finden.

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Und dann ist da Evelyn, die Älteste, wenn sie spricht, hören die anderen zu. Nicht, weil sie besonders laut wäre, sondern weil ihre Erfahrung im Raum spürbar ist. Gleichzeitig wirkt sie oft müde und ausgelaugt. Nicht auf die Art, die mit einem freien Wochenende verschwindet. Es ist eher eine Müdigkeit, die entsteht, wenn man über viele Jahre etwas mit großer Überzeugung getan hat und irgendwann feststellen muss, dass sich die Bedingungen derart verändert haben, dass das Eigentliche nicht mehr im Mittelpunkt steht. „Der Beruf ist nicht mehr der, für den ich mich damals entschieden habe“, sagt sie irgendwann in einer der Sitzungen. Niemand widerspricht, denn alle wissen, dass sie recht hat.

Ich denke oft, dass die Konflikte, die wir im Alltag sehen, selten die eigentlichen Konflikte sind. Hinter einem Streit um Urlaubstage verbirgt sich manchmal die Sorge, den Anforderungen nicht mehr gerecht zu werden. Hinter einer Diskussion über Zuständigkeiten die Angst, dass die notwendige Fürsorge nicht genügend Raum bekommt. Und hinter einer scheinbar kleinen Auseinandersetzung die Frage: Kann ich diesen Beruf noch so ausüben, wie es meinem eigenen Anspruch entspricht – als Beitrag zum Wohl anderer, als etwas, das wirklich zählt? Denn wer im Gesundheitswesen arbeitet, will Menschen sehen, nicht nur Fälle.

Viele der Veränderungen im Gesundheitswesen treffen genau diesen Punkt. Einsparungen, zunehmende Dokumentationspflichten und wachsende organisatorische Anforderungen nehmen Zeit für das, was für viele einmal der Kern ihrer Arbeit war: den Menschen wirklich zu sehen, zuzuhören, Sicherheit zu geben und mit fachlicher und menschlicher Präsenz da zu sein.

Was mich an diesem Team berührt, ist, dass hinter den Konflikten kein Desinteresse steht. Im Gegenteil. Da sind Frauen, denen ihre Arbeit wichtig ist. Frauen, die Menschen nicht nur versorgen, sondern begleiten möchten. Frauen, die sich daran messen, ob sie ihrem Gegenüber mit Respekt, Aufmerksamkeit und Würde begegnen können.

Wahrscheinlich tut genau deshalb jede weitere Veränderung und Einsparung so weh, denn es geht nicht nur um neue Abläufe oder andere Strukturen, sondern um die Frage, ob man weiterhin die Arbeit machen kann, für die man sich einmal bewusst entschieden hat.

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