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Großeltern werden und dabei lernen, loszulassen

Mittwoch, 06. August 2025

Über die Autorin

Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.

Lukas ist 35 Jahre alt und wird bald Vater. Im Herbst erwarten er und seine Partnerin Stella ihr erstes Kind. Noch vor der Geburt möchten sie heiraten. Es soll ein kleines, bewusst gestaltetes Fest im Grünen werden, schlicht, liebevoll, mit den Menschen, die ihnen wirklich wichtig sind. Alles könnte leicht und rund verlaufen, wäre da nicht das spürbare Schweigen zwischen Lukas und seiner Mutter Katharina.

Fast zwei Jahre haben sie kaum mehr miteinander gesprochen. Seit Lukas nach Süddeutschland gezogen ist, hat sich der Kontakt auf ein Minimum reduziert. Nicht abrupt, sondern leise, fast unmerklich und doch deutlich genug, dass Katharina es als schmerzhaften Rückzug empfindet. Sie hat versucht, die Distanz zu überbrücken: mit langen E-Mails, kleinen Päckchen, gut gemeinten Hinweisen. Doch ihre Nachrichten blieben oft unbeantwortet. Lukas hat sich zurückgezogen, freundlich, aber bestimmt. Und jetzt, da er selbst eine Familie gründet, spürt er: Bevor das Neue beginnen kann, braucht es ein ehrliches Gespräch mit seiner Mutter.

Denn mit der Geburt eines Kindes verändert sich nicht nur das Leben der Eltern. Auch Großeltern werden neu verortet in einer Rolle, die mit Erwartungen und Erinnerungen aufgeladen ist. Katharina ist bereit, zu unterstützen. Sie freut sich auf das Enkelkind, stellt sich gemeinsame Spaziergänge vor, Babybetreuung, Zeit füreinander. Und sie hat, wie viele ihrer Generationen, klare Vorstellungen davon, was ein gutes Leben ausmacht: finanzielle Absicherung, ein schönes Zuhause, Geschenke als Zeichen der Zuneigung.

Doch Lukas und Stella leben anders. Ihre Wohnung ist klein, aber durchdacht eingerichtet. Sie kaufen bewusst Second-Hand, achten auf regionale Lebensmittel, gestalten ihren Alltag mit Blick auf Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung. Luxus bedeutet für sie nicht Besitz, sondern Zeit. Nicht Konsum, sondern Klarheit. Nicht äußere Fülle, sondern innere Ruhe.

So sitzen sie sich nun gegenüber, Mutter und Sohn, an einem Wochenende im August. Zum ersten Mal seit Langem sprechen sie wirklich miteinander. Nicht nur über Termine, Jobs oder Urlaubspläne, sondern über das, was zwischen ihnen steht und über das, was sie trotz allem verbindet.

Sie sprechen über alte Verletzungen. Über unausgesprochene Erwartungen. Über Katharinas Ehe, die zerbrach, als Lukas noch ein Kind war. Über die neue Familie seines Vaters, über Halbgeschwister, über Rollen, die nie ganz klar waren. Und über all das, was nie richtig gesagt wurde. Und sie sprechen über das, was vor ihnen liegt: die Geburt des Enkelkindes, die bevorstehende Hochzeit, das Zusammenkommen der ganzen Familie mit all den Chancen und all dem emotionalen Potenzial, das darin steckt.

Aus diesem Gespräch entsteht etwas Neues. Kein völliger Neuanfang, aber ein vorsichtiger Wandel. Beide Seiten beginnen zu verstehen, dass Beziehung nicht bedeutet, gleich zu denken, sondern sich gegenseitig Raum zu geben. Es geht nicht darum, wer Recht hat. Sondern darum, wie Nähe gelingen kann, ohne vereinnahmend zu sein. Wie man verbunden bleibt und sich zugleich abgrenzt. Sie einigen sich auf klare Regeln für den Kontakt – kurze, abgestimmte Kommunikation statt langer E-Mails, planbare Besuche in maßvollem Rahmen und ein wertschätzendes Miteinander auf Basis von Offenheit, Verlässlichkeit und gegenseitigem Respekt.

Am Ende dieses Gesprächs sind nicht alle Differenzen ausgeräumt. Müssen sie auch nicht. Aber sie haben sich gesehen. Vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich. Und ich denke, es ist genau das, was in einer Zeit des Wandels und Neubeginns wirklich wichtig ist.

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