Spätestens seit ihrem Roman „Augustblau“ ist die Autorin Deborah Levy einer breiteren Leserschaft bekannt – hoffentlich, möchte ich hinzufügen, so groß ist die Trilogie „Living Autobiography“, so flirrend subtil der Roman „Heiße Milch“, so souverän verrätselt ebenjenes Augustblau. Wer diese Frau nicht gelesen hat, ist selbst schuld.
Ein leichtes wäre es gewesen, diese Erfolgsgeschichte weiter zu bedienen. Aber Deborah Levy ist keine Musterromanfabrik, sie ist eine Suchende, die sich einer Sache widmet und einen Text gehen lassen kann.
Der Titel des neuen Buches legt bereits die Fährte aus: „Mein Jahr in Paris mit Gertrude Stein“. Man beachte jedoch bitte jede Nuance dieser allumfassenden Betitelung. Gertrude Stein? Ja, aber keine Biographie, sondern ein Jahr mit ihrem Lebenslauf und ihren Texten. Levy lässt sich begleiten, ist fasziniert, gebannt, besessen von dieser Schriftstellerin, Kunstsammlerin, Gastgeberin, an deren Ideen und Kontakten die klassische Moderne erkenntlich wird.
Es steckt ebenso viel Deborah Levy in diesem Text („Mein Jahr in Paris mit Gertrude Stein“), ihre eigene, nicht zu greifende Faszination für Stein, ihre Sehnsucht nach der Kunst der Moderne, ihre eigenen Freundinnen, ihre Beziehungen. Dies ist kein Werk der kritischen Annäherung, keine Sekundärliteratur für Eingeweihte, sondern ein affirmatives Aufnehmen künstlerisch erhebender Energien
„Die Ströme flossen durch das 19. Jahrhundert in das 21. und überallhin. Waren es Bewusstseinsströme? Aus irgendeinem Grund hatte ich das Bedürfnis, Gertrude Stein zu verteidigen. Jedes Jahrhundert braucht einen Künstler oder eine Künstlerin, der oder die Kohärenz (…) demontiert und Raum schafft, damit etwas Neues entstehen kann.“
Deborah Levy findet selbst eines der treffendsten Bilder für ihre Haltung zu Stein und der sie elektrisierenden Moderne: „Das ist das Gute am Touristendasein. Wir können auf einem von kleinen goldenen Glühbirnen erleuchteten Schiff durch die Geschichte gleiten.“ Also steigen wir ein und gleiten mit Deborah Levy im Touristenboot durch die Literaturgeschichte, lassen wir uns inspirieren!