Plötzlich ist dein Haus rot umrandet. Mit einer dicken, intensiven Farbschicht umkreist, über Gras, Kies und Stufen, alles rot, alles markiert. Doch was bedeutet das? Also erstmal Vorsicht, weg da. Ab in den alten Camper und irgendwo hin, provisorisch übernachten. Doch dann das: Morgens aufwachen und auch um den Camper diese rote Umrandung...
Neue Romane von Ali Smith sind stets eine Übung in herausforderndem Lesen, dem man mit Güte und Vertrauen begegnen muss. Die geschilderten Situationen sind immer rätselhaft, von Erzählideen durchzogen, die man so noch nie gelesen hat. In "Gliff" erzählt Ali Smith von zwei halbwüchsigen Schwestern, denen innerhalb weniger Tage ihre vertraute Welt genommen wird.
Ihre Mutter hat plötzlich Arbeit in einem anderen Land, Haus und Camper wurden rot umrandet und der Freund der Mutter bringt die beiden in ein leerstehendes Haus, um allein über die Grenze zu kommen und die Mutter zurück zu holen. Die Mädchen haben Büchsenessen und sonst nur sich. Schöne neue Welt - dieser Titel von Aldous Huxley schwebt über allem.
Die Tage dehnen sich, die Sorgen auch. Die Mädchen machen sich langsam ein Bild dieser Welt, in die sie plötzlich geworfen sind. Die roten Umrandungen, überall Kameras und Mikrofone, mit Bargeld geht nichts mehr. Diese technische Ausstattung kommt uns Lesern aus der Gegenwart bekannt vor, der sich aufdrängende dystopische Charakter der Geschichte rührt allerdings aus einer gänzlich anderen Kombination der einzelnen Instrumente: Alle digitalen Funktionen werden hier autoritären Zwecken unterworfen. Das ist die Dystopie, mit der uns Ali Smith konfrontiert, die Frage, die sie mit dieser Geschichte an uns richtet.
Auf der Suche nach Freundschaft, Unterkunft und Hoffnung folgen wir den Schwestern durch eine Welt, in der die Verheißungen der Digitalisierung in autoritäre Kontrolle gekippt ist, eine Welt, die mehr denn je von persönlichen Begegnungen abhängig ist. Und so lebt diese Geschichte von den Typen, die sie bevölkern. Ali Smith hat allen Figuren eine Klarheit gegeben, allen Szenen eine leuchtende Prägnanz, die außergewöhnlich ist.
Durch das mosaikartige, sprunghafte Erzählen wissen wir nicht immer sofort, worum es eigentlich geht und was das eine mit dem anderen zu tun hat. – Aber das gibt sich, lesen Sie beruhigt weiter. Denn Ali Smith ist keine Autorin, die sich am l'art our l'art berauscht, die Sperrigkeit allein um der Interessantheit des Kunstwerks inszeniert.
Ali Smith ist eine Spielerin, sie ist eine gewiefte Regisseurin ihrer Geschichte, die es versteht, alle Finessen und Innovationen geschickt einzusetzen. "Gliff" ist Erzählen auf höchstem Niveau. Ideenreich und selbstbewusst, innovativ und furchtlos. Ali Smith kann so erzählen, wie Michael Olise Fußball spielt – schnell, wendig, effizient, immer mit einem Augenzwinkern. Selbst die dystopischste Dunkelheit wird so zu einem sinnlich staunenden Leseerlebnis.