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Lieblingsorte
Berliner Lieblingsorte

Berliner Lieblingsortevon Schauspieler und Autor Franz Dinda

Mittwoch, 07. November 2018
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Die Orte im Überblick
Karte (10)

Ich pflege mich auf Interviews in der Regel nicht großartig vorzubereiten. Ich liebe es, dem Menschen zu begegnen und nicht seiner Erfolgsgeschichte. Insgeheim habe ich mir immer eingebildet, auf diese Weise unvoreingenommen zu sein. Wie wenig das der Fall ist, wurde mir nun während meines Interviews mit dem Schauspieler, Autor und Künstler Franz Dinda klar.

Irgendein Bild hat man schließlich immer im Kopf und meine Unwissenheit hatte dazu geführt, dass ich einen jungen Schauspieler vor mir wähnte, der sich – bitte entschuldige lieber Franz Dinda! – nun auch ein wenig in der Literatur versuchte. Wie weit ich damit daneben lag, schwante mir bereits, als der 35jährige, verärgert über seine geringfügige Verspätung, neben mir Platz nahm.

"Unpünktlichkeit ist schlechter Stil." – Wann hatte ich einen solchen Satz zuletzt gehört? Aber gut, schließlich ist der Mann ja Schauspieler. UND Poet! Ich bleibe wachsam. Er ordert Kaffee. Während er am Tresen auf seine Bestellung wartet, zeigt er sich beim Inhaber des Cafés begeistert über die alten technischen Geräte in den umliegenden Regalen. Ich hatte sie noch nicht einmal bemerkt.

Statt über die neue Sky Highend-Serie "Das Boot" zu sprechen, in der Franz Dinda ab dem 23. November in einer der Hauptrollen zu sehen sein wird, reden wir über den zurückliegenden "Kunstsalon" im Hotel Q in Charlottenburg, in dessen Rahmen er seine Lyrikmaschinen zur Schau gestellt hatte. Denn was Franz Dinda aus Worten macht hat meist wenig mit schlichter Lyrik zu tun. Vielmehr gestaltet er Inhalte und gibt seinen Reimen einen zusätzlichen Raum.

Sein Konzept "ReimRaum" bringt Mixed Media-Installationen wie beispielsweise die Arbeit "5 Buchstaben" hervor, bei der eine Schreibmaschine aus lediglich fünf Buchstaben eigenständig einen ganzen Reim aus eben jenen Lettern tippt. Als "Gedichte, die man wie Cola trinken kann" beschreibt der seine Lyrik dabei selbst. Doch in Kombination mit technischen Alltagsgeräten werden Sie zu spannenden Gesamtkunstwerken.

So brachte Dinda, nach einem ersten kunstvoll gestalteten Lyrik-Band mit illustrierenden Fotografien, auch einen zweiten mit DVD heraus und plant nun ein Gedichte-Comic. Weil man ihn so gar nicht mit "Drogen, Sex und Rock ’n’ Roll verbinde", werde er jetzt gerade mal genau das als Thema wählen. Trotzig. Neugierig. Immer auf der Suche nach neuem Wissen, scheint Dinda durchs Leben zu gehen.

In den Pausen zwischen seinen Filmen setzt er sich akribisch neue Themen, möchte geistig aktiv bleiben. Auf der Suche nach eigenen Ausdrucksformen kam er einst auch zum Schreiben. Fasziniert vom traditionellen Handwerk hat er aber auch schon ein Praktikum in einer Druckerei gemacht oder inspiriert von den Arbeiten der Wiener Werkstätten selber Schmuck entworfen. Aktuell entwickelt er einen eigenen Füllfederhalter.

Geboren wurde Franz Dinda als Sohn einer Pastorin in Jena, von wo er ein halbes Jahr vor dem Mauerfall in den Westen übersiedelte. "An meinem ersten Tag im Westen bin ich sechs geworden", erzählt er. "Das war in Darmstadt." Nach etlichen Umzügen wurde die Familie dann in Backnang sesshaft, wo ihm in der Theater AG seiner Schule früh klar wurde, dass er Schauspieler werden wollte.

Als Teenager machte er über die Telefonauskunft Kontakte zum Thema Film ausfindig und bewarb sich bei einer Casting-Agentur. Dort wurde er dank seiner Begeisterungsfähigkeit schnell zur "Geheimwaffe". Seinen ersten Auftritt hatte er in einem Werbespot für die Comic-Publikation "Lustiges Taschenbuch". Später folgte unter anderem die Jugendserie "Fabrixx". Nach dem Abi ging es direkt nach Berlin an die Schauspielschule.

Nebenbei wurde weitergedreht. "Ich hatte wahnsinniges Glück mit meiner Agentur", so Dinda. "Es ist wichtig, seriös betreut zu werden.“ Der Durchbruch kam mit der Literaturverfilmung "Die Wolke", für die er den "New Faces Awad" erhielt. 2007 folgte der Förderpreis des Deutschen Fernsehpreises.

Seine Mutter habe damals vor Freude die Kirchenglocken in ihrer Gemeinde läuten lassen. Das sorgte im wahrsten Sinne des Wortes für Unruhe, aber am Ende habe man es ihr nachgesehen, schmunzelt er. Mittlerweile ist Franz Dinda verheiratet und hat einen knapp zweijährigen Sohn. Eine Tochter ist gerade unterwegs.

Aber das können Sie im Grunde auch auf Wikipedia nachlesen. Vorsorglich. Falls auch Sie Franz Dinda einmal begegnen sollten. Denn dann können Sie sich auf das viel Spannendere an diesem Multitalent und feinen Menschen konzentrieren und müssen nicht, wie ich, Ihre Zeit mit den Fragen nach einzelnen Lebensetappen vergeuden. Ich jedenfalls gehe nie wieder unvorbereitet in ein Interview.

Über all die Themen unserer Zeit, durch die wir in den zwei Stunden auch noch galoppierten, hätte ich um ein Haar vergessen zu fragen, welche Berliner Orte Franz Dinda besonders am Herzen liegen. Aber glücklicherweise nur um ein Haar, denn wir hatten vermutlich kaum einmal so viele hilfreiche Geheimtipps wie in seiner persönlichen Lieblingsorte-Liste...

Tipp. Zu den Details der einzelnen Orte gelangen Sie über das Anklicken der orange markierten Namen!

Martin Z. Schröder. Bei diesem Drucker in Pankow lässt Franz Dinda schon seit Jahren alles drucken, was bei ihm anfällt. Schröder sei der größte Spezialist in Sachen Typo und Druckhandwerk, den er kenne. "Mit ihm kann man eine halbe Stunde über Schwarztöne reden, ohne dass es einem langweilig wird." erzählt er begeistert. "Das ist ein Ort für Druck- und Papierfetischisten!" Auch Max Gold lasse hier drucken. Dindas Begeisterung ist so groß, dass er in der Werkstatt sogar schon ein Praktikum gemacht hat.

Brücke Museum. Das Museum am Grunewald ist Dindas Lieblingsmuseum: "Hier war ich sicher schon 20-30 Mal." erzählt er. Die Künstlervereinigung ist für ihn die spannendste überhaupt. Für die Werke der Expressionisten wäre er auch bereit viel Geld auszugeben, wenn er es hätte, schwärmt er.

Pappa e Ciccia. Der Italiener in Prenzlauer Berg ist sein absolutes Lieblingsrestaurant. "Hier habe ich noch keinen Abend erlebt, der weniger als großartig war." konstatiert er. Dabei sei er beim Essen eher "ein Gewohnheitstier" und bestelle jedes Mal die "Tagliatelle al Ragù di Bolognese", sprich Spaghetti Bollo. Glücklicher könne er mit einem Essen nicht sein.

Modulor. Als "ein Paradies für jeden, der Ideen im Kopf hat" beschreibt er mit leuchtenden Augen das Fachgeschäft für Architektur- und Künstlerbedarf in Kreuzberg. "Das ist mehr als ein Laden!" Orte wie diese seien ein absolutes Privileg in Berlin. "So etwas gibt es in einer Kleinstadt nicht."

Peters Werkstatt. Peter Dorscheid, der Inhaber dieser Werkstatt für Röhrengeräte jeder Art, sei ein echtes Unicum, erzählt Dinda bewundernd. "Ein Handwerker der alten Schule und ein echter Überzeugungstäter." Dorscheid repariere auch hoffnungslose Fälle. Einzigartig sei sein Archiv an alten Schaltplänen für Plattenspieler, die ihm bei der Reparatur helfen.

Daniela Baumberg. Bei der Charlottenburger Restauratorin hat Dinda alle seine Bilder rahmen lassen. "Ich kaufe Bilder, nur um einen Anlass zu haben, wieder hierher zu kommen", lacht er. "In der Werkstatt riecht es so sensationell, dass man gleich Maler werden möchte. Es hat beinahe etwas Sakrales." Dank ihrer Detailverliebtheit als Restauratorin, habe Baumberg auch ein sagenhaftes Gespür für den passenden Rahmen.

LD-Lederservice. In der Werkstatt für Ledermöbelaufarbeitung in Schöneberg kann man vom zerschlissenen Sofa bis zum Autositz und vom Luxusloafer bis zur Jacke alles aufarbeiten lassen, das aus Leder ist. 100 Prozent gute Bewertungen hat dieser Ort bei Google, erzählt Dinda enthusiastisch. "Der Inhaber Martin Engert ist so authentisch, dass man am liebsten gleich ein Fernsehformat für ihn entwickeln möchte", schwärmt er.

Geistesblüten. Das literarische und kulturelle Konzept am Walter-Benjamin-Platz wird von Christian Dunker und Marc Iven geführt, die zuvor in der Autorenbuchhandlung am Savignyplatz aktiv waren. Neben dem gleichnamigen Literaturmagazin, das hier entsteht und einer kuratierten Bücherauswahl, wartet dieser Ort mit regelmäßigen Lesungen auf. Ebenso wie zahlreiche andere literaturinteressierte Schauspieler, fühlt sich auch Dinda beiden seit Jahren herzlich verbunden.

Botanischer Garten Potsdam. Im Gegensatz zu seinem Berliner Pendant, kennt diesen Botanischen Garten kaum jemand, proklamiert Dinda. Dabei sei er "sensationell schön". Mittendrin stehe ein Gewächshaus, in dem es einen Kuchenverkauf gebe, der auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt sei.

Grisebach. "Ich liebe diesen Ort" schwärmt der Schauspieler. "Hier spiele ich gern’ Mäuschen." In dem Auktionshaus in der Fasanenstraße in Charlottenburg treffe man echte Paradiesvögel und könne viel über den Kunstbetrieb lernen. Klar, dass er hier auch schon bei Auktionen dabei war.

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