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Sowohl als auch Zwischen Sicherheit und Sehnsucht

Montag, 16. Februar 2026
Sowohl als auch-2

Über die Autorin

Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.

Juliana ist vierunddreißig Jahre alt, Teamleiterin in einem großen Unternehmen, verantwortlich für Budgets, Prozesse und ein Team, das sich auf sie verlässt. Sie ist erfolgreich, strukturiert und klar in ihren Entscheidungen, und dennoch sitzt sie mir im Coaching mit einer leisen Unruhe gegenüber, die weniger mit Überforderung zu tun hat als mit einer inneren Verschiebung. Etwas in ihr ist in Bewegung geraten. Vor einem Jahr hat sie eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin abgeschlossen, zunächst als Ausgleich, dann aus echter Hingabe. Als ihre eigene Yogaschule ihr anbot, einzusteigen, wurde aus einer Leidenschaft eine reale Möglichkeit. Plötzlich stand die Frage im Raum, welchen Weg sie gehen soll oder gehen will.

Wir haben uns viel Zeit genommen, gemeinsam unterschiedliche Positionen eingenommen und jede einzelne ernsthaft geprüft. Juliana hat den Raum genutzt, um ihre Gedanken und Gefühle aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, während ich sie durch die Perspektivwechsel begleitet habe. So konnten wir erkunden, was es bedeuten würde, wenn sie ihren Job kündigt und sich ganz dem Yoga widmet, wenn sie ihre Führungsrolle gegen die Begleitung von Menschen in Bewegung und Stille tauscht. In dieser Vorstellung lag Weite und eine spürbare Stimmigkeit, zugleich aber auch die Unsicherheit, die entsteht, wenn Identität und Einkommen neu gedacht und neu getragen werden müssen.

Was wäre, wenn alles bleibt, wie es ist, wenn Sicherheit, Gehalt und Routine weiterhin den Rahmen bilden und Yoga ein wertvoller Ausgleich bleibt. Diese Option brachte Ruhe, zugleich aber das Gefühl, einen wichtigen Impuls wieder kleiner zu machen. Eine leise Traurigkeit breitete sich im Raum aus, fast eine Enttäuschung.

Die dritte Möglichkeit war ein bewusstes Sowohl als auch. Den Job reduzieren, Verantwortung neu verteilen und parallel ein zweites Standbein im Yoga aufbauen. Schrittweise, mit festen Kursen, vielleicht Workshops, mit einem Übergang statt eines Sprungs. Hier wurde Juliana lebendig. Sie begann zu rechnen, zu planen, Möglichkeiten zu sehen, und spürte, dass Sicherheit und Sinn sich nicht ausschließen müssen.

Die vierte Option war weder das Eine noch das Andere: Ein Sabbatical kam in den Blick, also den alten Job zumindest zeitweise auszusetzen als Möglichkeit und trotzdem nicht in die Yogaschule einzusteigen, sondern ein offener Raum auf Zeit, um Praxis und Weiterbildung Raum zu geben. Vielleicht eine lange Reise nach Indien? Eine schöne, weite Idee, die jedoch viel Ungewissheit mit sich bringt und auch gerade nicht in ihr Privatleben zu passen schien.

Und dann wurde die fünfte Position angesehen, eine weitere, erst verwirrende Frage. Was wäre, wenn all dies nicht und auch das nicht. In dieser Offenheit entstand eine neue Idee. Eine eigene Yoga-App, die ihre Erfahrung als Führungskraft mit ihrer yogischen Haltung verbindet, kurze Sequenzen für Menschen im Arbeitsalltag, Atemräume zwischen zwei Terminen, niedrigschwellige Angebote für jene, die keinen Zugang zu Studios finden. Als sie davon sprach, begannen ihre Augen zu leuchten.

Am Ende kehrten wir zu der Position zurück, die die stärkste Resonanz ausgelöst hatte: Juliana entschied sich klar für das bewusste Sowohl als auch. Nicht als halbherzige Lösung, sondern als gestaltete Brücke zwischen Sicherheit und Berufung. Wir entwickelten konkrete Schritte, ein Gespräch über Stundenreduktion, eine finanzielle Planung, erste Kurse. Berufung zeigt sich nicht immer als radikaler Bruch, sondern manchmal als kluge Verbindung. Zwischen Sicherheit und Sehnsucht liegt ein Raum, der betreten werden will, und Juliana hat begonnen, ihn für sich zu öffnen.

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