Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.
Es gibt diese Momente im Arbeitsleben, in denen zwei Menschen eigentlich das Gleiche wollen und doch aneinander vorbeiarbeiten. Florian und Nicole stehen gerade an so einem Punkt. Beide engagiert, beide mit guten Ideen, beide mit dem Wunsch, dass dieses Projekt gelingt. Schaut man jedoch genau hin, merkt man dass sich zwischen ihnen eine spürbare Spannung aufgebaut hat.
Nicole hat vor einiger Zeit die Leitung des Teams übernommen. Ein logischer Schritt, schließlich kennt kaum jemand ihren Bereich so gut wie sie. Expertise, Fleiß und Verlässlichkeit sind klar vorhanden. Was fehlt, ist die Erfahrung, wie Führung funktioniert, wenn man plötzlich nicht mehr nur für sich selbst verantwortlich ist. Nicole versucht es so, wie sie es für richtig hält: mit viel Freiheit, einer offenen Tür, mit der Erwartung, dass das Team sich einbringt, Ideen entwickelt, Verantwortung übernimmt. Für sie fühlt sich das sinnvoll an, fast fürsorglich. Freiheit als Wert an sich.
Florian erlebt diese Freiheit anders. Wo für Nicole Raum entsteht, entsteht für ihn Leere. Das Projekt, aber auch seine eigene Entwicklung sind ihm wichtig, er möchte wachsen, lernen, Verantwortung übernehmen. Doch ohne Orientierung fühlt sich alles ein wenig wie ein Schwimmen im offenen Meer an. Zu viel Weite, zu wenig Land in Sicht. In einem Einzelgespräch sagt er schließlich den Satz, der die Lage im Kern beschreibt: „Ich fühle mich allein gelassen.“
Was für Nicole wie ein Vorwurf klingt, zeigt jedoch, welche Bedürfnisse nicht erfüllt sind. Florian braucht Halt und Struktur. Er braucht eine Führung, die ihm Richtung gibt, statt ihm zu signalisieren, dass er schon allein herausfinden wird, wo es langgeht. Dass er diesen Satz aussprechen kann und Nicole hört, was dahintersteckt, ist bereits ein Wendepunkt.
Denn meistens beginnen Lösungen nicht mit Konzepten oder Maßnahmen, sondern mit einem ehrlichen Gespräch, in dem beide Seiten aussprechen, was sie brauchen und einander zuhören. Für Florian ist es Orientierung. Für Nicole ist es das Vertrauen, dass Führung nicht bedeutet, ihre Freiheit oder die des Teams aufzugeben, sondern sie bewusster zu gestalten.
Wenn beide miteinander verhandeln, was im Rahmen der Organisation möglich ist und welche Art der Zusammenarbeit ihnen guttut, entsteht etwas Neues. Noch kein fertiges Modell, aber ein gemeinsamer Boden, auf dem sich arbeiten lässt. Allein das Gefühl, gehört zu werden, verändert Florians Blick. Nicole wiederum merkt, dass ihre Haltung nicht komplett falsch war, nur nicht für jeden gleich wirksam.
Am Ende zeigt sich, dass es keine perfekte Formel für Führung gibt, sondern dass es ein gemeinsames Besprechen und Offenlegen der Bedürfnisse braucht, damit Zusammenarbeit für alle gut funktionieren kann. Wenn Florian spürt, dass seine Unsicherheit Platz haben darf, und Nicole merkt, dass ihre Art der Führung nicht infrage steht, sondern weiter wachsen darf, entsteht eine Basis, auf der Vertrauen wieder entstehen kann.
Zwischen Freiheit und Orientierung liegt kein Widerspruch, sondern ein Gestaltungsraum. Wer es versteht, diesen Raum zu nutzen, ist auf einem guten Weg, gelassen miteinander in die Zukunft zu gehen.
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