Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.
Es gibt Freundschaften, die tragen eine lange Geschichte in sich, als wäre sie ein eigener Raum, den man jederzeit wieder betreten kann. Man kennt sich seit der Schulzeit, hat sich durch Lebensphasen begleitet, sich beim Erwachsenwerden zugesehen. Familien wurden gegründet, Menschen kamen hinzu und gingen wieder, aber die Freundschaft blieb sicher. Da sind gemeinsame Erinnerungen, die sich fast automatisch einstellen, sobald man sich trifft. Und trotzdem ist da manchmal dieses leise, zwischenmenschliche Stolpern, wenn man merkt, dass die Gegenwart nicht mehr so selbstverständlich geteilt wird wie früher.
Viele dieser Spannungen zeigen sich nicht in den großen Lebensfragen, sondern im Alltäglichen. Beim Essen zum Beispiel, wenn die eine selbstverständlich erzählt, wie sie ihr Wochenende mit einem üppigen Grillabend verbracht hat, und die andere innerlich zusammenzuckt, weil für sie Tierwohl und Verantwortung eine ganz andere Bedeutung haben. Oder wenn beim Erzählen beiläufig Begriffe fallen, die die eine locker oder vielleicht lustig meint, während sie bei der anderen Irritation auslösen, weil sie als ausschließend oder verletzend empfunden werden.
Auch politische Haltungen schwingen mit, nicht in den Extremen, sondern in der Art, wie auf Veränderung oder Sicherheit geschaut wird und wie Wohlstand und Verantwortung definiert werden. Dann sitzen plötzlich zwei Menschen nebeneinander, die sich gut kennen und sich doch in diesen Fragen fremd geworden sind. Gleichzeitig entsteht genau daraus eine stille Irritation. Wenn man so lange miteinander verbunden ist, wirkt es fast irritierend, dass man sich heute an manchen Stellen nicht mehr versteht. Es taucht die Frage auf, ob man sich verändert hat oder ob man sich nur endlich ehrlich zeigt.
Diese Reibung ist nicht neu, aber sie wird sichtbarer. Und sie führt zu Momenten, in denen beide kurz verstummen oder sich mit einem Kopfschütteln wieder voneinander lösen. Danach bleibt oft die Frage hängen, ob das noch passt. Ob man sich weiterhin treffen sollte, wenn man sich in so vielem nicht mehr einig ist. Ob eine Freundschaft, die so unterschiedlich geworden ist, noch einen gemeinsamen Kern hat oder ob sie sich eigentlich überlebt hat.
Gerade weil diese Beziehungen so lange bestehen, wird diese Frage schnell schwerer gemacht, als sie ist. Es ist nichts für den professionellen Beratungskontext, nichts, das unbedingt mit Hilfe von außen gelöst werden müsste. Eher etwas, das sich mit etwas Abstand und ehrlichem Nachdenken selbst klären kann. Nicht im Sinne einer endgültigen Entscheidung, sondern als wiederkehrende innere Sortierung: Wozu treffe ich diesen Menschen eigentlich noch?
Denn neben den Unterschieden gibt es ja auch das andere. Die gemeinsame Geschichte, die niemand sonst teilt. Das Wiedererkennen von früheren Versionen des eigenen Lebens. Und vor allem diese Momente, in denen man miteinander lacht und zu der Musik von damals in der Küche tanzt, als wäre alles wieder leicht. Oder wenn eine einfach da ist, zuhört und zustimmt, wenn es schwierig wird und mit einem Stück Streuselkuchen vor der Tür steht. Das sind keine Nebensachen, sondern oft das, was Freundschaft im Kern ausmacht.
Vielleicht liegt der Wert solcher langen Freundschaften gerade darin, dass sie nicht nur bestätigen, sondern auch herausfordern. Dass sie eigene Gewissheiten in Bewegung bringen, manchmal unangenehm, manchmal klärend. Und dass sie zeigen, dass Nähe nicht zwingend Übereinstimmung bedeutet. Solange es diese Momente gibt, in denen man sich wirklich begegnet, miteinander lachen kann und in schweren Zeiten füreinander da ist, bleibt etwas bestehen, das sich nicht leicht ersetzen lässt. Nicht trotz der Unterschiede, sondern neben ihnen.