Sommer 2024 – Was in der ersten Assoziation wie ein Rückblick aus sicherer Entfernung klingt, wie eine längst vergangene Geschichte, ist bohrend und brennend unsicher, ein Schreiben auf vagem Terrain.
Es wäre eigentlich sehr zu begrüßen, wenn dieses Buch ein Roman wäre, wie es der Verlag auf dem Umschlag ankündigt. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn uns das innere Ringen Navid Kermanis gänzlich fiktiv erscheinen, wenn dieser Essay über die Gegenwart an uns abtropfen dürfte. Dem ist leider nicht so. Ich habe mich erkannt im Ringen um Positionierungen, im Streit mit Weggefährten, in der Verzweiflung.
Wenn überhaupt ein Trost in diesem Buch liegt, dann wäre es der Trost der Formulierung: Worte zu finden für Konflikte, Bruch- oder Verwerfungslinien nachzuzeichnen. Kermani betreibt kein japanisches Kintsugi, indem er etwa die Reparaturkanten mit Gold nachspurt und veredelt, er sucht vielmehr mit Worten die Brüche nachzuzeichnen, sie überhaupt zu erkennen.
Dass ein Freund sich plötzlich politisch gänzlich anders verortet als er selbst, dass die Kriege näher rücken und die Debatten schriller werden, dass seine Freundin ihn für einen Macho hält und das bei weitem nicht der schlimmste Vorwurf bleibt, der sein Selbstbild erschüttert.
Navid Kermani nimmt uns nichts ab.
Er setzt sich dieser Gegenwart genauso aus wie wir alle ihr ausgesetzt sind. „Sommer 24“ ist ein Bericht von diesem Ausgesetztsein, von der Ratlosigkeit und den Versuchen, dieser entgegen zu wirken. Wie man sich orientieren soll in einem Leben, dessen Koordinaten nicht mehr zu stimmen scheinen? Es sind die Fragen, die diesen Text brenzlig machen.