Wenn es etwas wie ein künstlerisches Vorgängertum noch gibt, wenn eine progressive richtungsweisende Literatur existiert, die nicht einfach nur der Unterhaltung dient oder einem Thema, sondern nach Kategorien wie formaler Innovation und ästhetischer Präzision neue Töne setzt, kurz gesagt: Wenn es heutzutage noch eine künstlerische Avantgarde gibt, dann ist es Rachel Cusk.
Die in Paris lebende Autorin setzt Maßstäbe in puncto diskursiver Prägung literarischen Erzählens und intellektueller Durchdringung einer Storyline. Sie ist es, die derzeit angeschaut wird: Was macht sie als nächstes? Wohin wendet sich ihre Aufmerksamkeit? Denn keines ihrer Bücher gleicht dem anderen, mit jedem Buch stellt sie andere Fragen.
Und diesem Gesehenwerden widmet sie sich im neuen Roman "Das Leben der M". M ist Schauspielerin, Filmstar, Mythos. Sie ist überall zu sehen, auf Plakaten genauso wie im Kino und im Internet, ihr Ruhm ist groß, ihr Gesicht berühmt und alles sieht aus wie luxuriöse Freiheit. Sie wird erkannt, bewundert, hofiert. Türen öffnen sich, Räume verändern sich, Zeit scheint für sie verhandelbar, selbst der Alltag wirkt in ihrer Nähe wie eine Inszenierung.
Nun soll eine befreundete Schriftstellerin M porträtieren. Die beiden Frauen reden, gehen aus, reisen zusammen, und zwischen ihnen entsteht ein spannungsreiches Spiel aus Nähe und Distanz, aus Faszination und Misstrauen. Was lässt sich also über einen Menschen sagen, der längst aus Bildern besteht? Und was geschieht dabei mit der, die hinsieht?
Rachel Cusk erzählt von der Zumutung, die es bedeutet, gesehen zu werden. Sie erzählt vom Einfluss der Bilder auf unsere Weltwahrnehmung, erzählt von verschiedenen Modi des In-der-Welt-seins. Dieser Roman ist eine Variation auf die Frage, was denn die Wirklichkeit eigentlich ist.
"Das Leben der M" ist gedanklich wie auch erzählerisch stark verdichtet, hat unfassbar schöne Sätze und kristalline Beobachtungen, die einen unruhig zurücklassen. Rachel Cusk hat wieder einmal das Höchstmaß an poetischer Aufrüttelung vorgelegt.