Wehe dem, der dieser Frau eine Frage stellt. Und sei sie auch noch so höflich gemeint, noch so zuvorkommend formuliert oder einfach nur eine freundliche Hilfsbereitschaft. Diese Frau erkennt in jeder Frage einzig die Beschränkung ihrer Möglichkeiten, sieht intendierte Zwangsmaßnahmen und Freiheitsbeschränkungen. Denn diese Frau, die diesen Roman aus der Ich-Perspektive erzählt, hat eines Morgens ihre Stelle aufgekündigt, ihre Sachen in drei Pakete gepackt und sich von allem befreit: "Eines Tages habe ich ihnen gesagt Mir reichts, ich gehe..."
Diese Frau ist auf dem Weg eine Freie zu werden, sie verabschiedet sich aus allen gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhängen, aus allen Regeln und Verpflichtungen. – "Das Leben ist schön, dachte ich, schön wie ein Fest, und niemand weiß dass es so schön ist, weil sie alle brav in ihren Häusern und bei ihren Chefs bleiben, wie Hunde in ihrer Hütte, dachte ich..." Zitieren aus diesem Buch ist immer ein Riss aus dem Kontext. Denn dieser Roman ist ein einziger Monolog ohne Pause, ohne Punkte. Doch bildet diese formelle Luftlosigkeit keineswegs eine manische Atemlosigkeit der Protagonistin ab.
Wir lesen keine Hasstirade, sondern einen freudigen Befreiungsmonolog. Das pausenlose Lesen ist nicht die Getriebenheit der Protagonistin, sondern vielmehr Neugier und Nähe von uns Teilnehmenden an dieser Befreiung. Sie selbst sitzt auf der Bank an einer Avenue und ist schon Außerhalb unserer sozialen Welt, schaut befreit auf all die gezielten Wege, all die Zumutungen und Konventionen. "Ich bin hier weil ich hier sein will, nicht wie die anderen, die sind hier weil sie irgendwo hinmüssen..." Den Unterschied zu anderen bürgerlichen Ausbruchsgeschichten macht hier die Begeisterung der Protagonistin. In "Renata wasweißich" löst sich nichts auf oder wird immer weniger, sondern der Befreiungsprozess ist ein Fest. Die Ausbrechende feiert die Erhabenheit über die anderen, sucht sich ein Geschenk zu diesem Entschluss, blödelt herum: "ich habe gelacht und gelacht, schiefgelacht habe ich mich". Was uns Lesenden vielleicht Sorgen bereitet – die Nächte, Nahrung oder ähnliches – ist ihr nur ein Schulterzucken wert. Hauptsache eine Freie sein.
Das diese Festlichkeit gepaart mit der philosophischen und formellen Strenge auch im Deutschen funktioniert, ist der Übersetzerin Olga Radetzkaja zu danken. Sie hat für dieses radikale Buch einen so herrlich leichten Ton gefunden, hat die Widersprüche in Figur und Text als befruchtende Kooperation inszeniert. "Renata wasweißich" ist Fundamentalliteratur.
Sich einfach lossagen von all den Dingen und Zusammenhängen? Klar, das ist unrealistisch, aber im Mut und Übermut der Erzählerin, in diesem unmöglich Durchzuführenden liegt ja gerade die Faszination dieser Lektüre. Je weiter sie ihre Befreiung treibt – zunächst keinen Besitz mehr, dann keine Bestimmungen, schließlich auch die Unabhängigkeit von so etwas wie Regenwetter – je konsequenter sie ihre Befreiung also verfolgt und immer begeisterter davon ist, umso größer ist auch die Neugier von uns Leserinnen und Lesern, ob sie sich weiter traut, immer weiter? Wo führt sie das hin?