Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.
Als Annika und Charlotte sich nach langer Zeit wieder gegenübersaßen, war es nicht der große Streit zwischen zwei Schwestern, der zwischen ihnen stand, sondern eine große Ratlosigkeit. Sie hatten sich über die Jahre voneinander entfernt und irgendwann begonnen, die Stille mit Erwartungen zu füllen. Jede hatte eine Vorstellung davon entwickelt, was die andere hätte geben sollen. Mehr Interesse und auch mehr Verständnis. Mehr Teilhabe am eigenen Leben.
Sie lebten längst in unterschiedlichen Wirklichkeiten. Annika, mit einem vollen Kalender, beruflich erfolgreich, politisch engagiert, ständig unterwegs. Charlotte, mit drei Kindern, einem Haus, einem Alltag, der kaum Pausen kannte. Care Verpflichtungen folgen keiner Dramaturgie. Sie sind einfach da, jeden Tag neu. Und dann, in einer dieser Familienbegegnungen, in denen so vieles gleichzeitig mitschwingt, entlud sich, was lange keinen Ort gehabt hatte.
Vorwürfe, die weniger mit dem konkreten Anlass zu tun hatten als mit der Enttäuschung der vergangenen Jahre. Verletzungen, für die es bis dahin keine Worte gegeben hatte. Danach folgte kein weiterer Streit. Sondern etwas, das schwerer zu greifen war. Eine Funkstille, in der keine von beiden wusste, wie sie die andere noch erreichen konnte.
Charlotte hatte lange geglaubt, Annika könne diesen Druck nicht verstehen. Wenn Annika von Erfolgen und Reisen erzählte oder von der Freiheit, spontan zu entscheiden, spürte Charlotte manchmal eine leise Sehnsucht. Nicht nach einem anderen Leben insgesamt, aber nach mehr Raum. Annika wiederum sprach in der Mediation zum ersten Mal darüber, wie schmerzhaft es für sie war, keine Kinder zu haben. Wie sehr sie die Zugehörigkeit vermisste, die Charlotte manchmal als selbstverständlich und manchmal auch als Enge erlebte. Beide hatten angenommen, die andere habe genau das Leben, das sie wollte. Beide hatten nicht gesehen, was es sie kostete.
In den ruhigen und geschützten Gesprächen ging es deshalb nicht um Schuld, ja nicht einmal um Verantwortung, sondern um Verständnis. Darum, die Innenseite der Entscheidungen sichtbar zu machen. Charlotte sprach über die Erschöpfung, die entsteht, wenn man dauerhaft für andere sorgt. Annika über die Abende, an denen niemand auf sie wartete. Es war kein Ausgleich. Aber es entstand etwas anderes. Eine neue Form von Genauigkeit im Blick aufeinander.
Charlotte sagte irgendwann, dass sie keinen ständigen Kontakt brauche. Was ihr wichtig sei, sei das Wissen, dass Annika da ist. Dass sie vorkommt in ihrem Leben, auch in der Distanz. Annika verstand, dass genau darin die Verbindung lag. Nicht in der Häufigkeit, sondern in der Selbstverständlichkeit. Auch ihre Eltern hatten die Distanz mitgetragen, vorsichtig geworden in ihren Einladungen und Gesprächen. Als die Schwestern wieder begannen, aufeinander zuzugehen, veränderte sich auch dort etwas. Die Familie musste sich nicht länger um eine Leerstelle herum organisieren.
Eine zentrale Frage blieb, wie ihre Beziehung im Alltag wieder Raum bekommen konnte. Die Treffen der letzten Jahre hatten meist im Kreis der Familien stattgefunden, eingebettet in Verantwortung und Abläufe. Nähe braucht jedoch zweckfreie Zeit ohne Rollen. Ohne Eltern, ohne Partner und ohne Kinder. Sie beschlossen, sich einen ganzen Samstag zu nehmen, nur für sich. Mit der Bereitschaft, einander neu kennenzulernen.
Am Ende stand keine Vereinbarung darüber, wie oft sie sich sehen würden. Was entstand, war weniger sichtbar. Die Erkenntnis, dass ihre geschwisterliche Basis nie verschwunden war. Dass Teilhabe nicht bedeutet, alles zu teilen, sondern einander im Leben zu wissen. Und manchmal reicht eben genau das. Das Wissen, dass die andere da ist.