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Familien-Geheimnisse Wenn alles neu geordnet werden muss

Donnerstag, 10. September 2026
familiengeheimnisse

Über die Autorin

Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.

Manchmal ist das wahre Leben spannender als ein Film von Pedro Almodóvar. Als Mediatorin und systemische Coach tauche ich immer wieder in die Biografien meiner Kundinnen und Kunden ein und begleite sie durch Umbrüche und Krisen. Was mich dabei meistens beschäftigt, ist nicht die Überschrift der Geschichte, sondern das, was darunter liegt und ob sie in den Prozessen, die ich anbiete, richtig sind.

Da gibt es Janina, die zufällig mit Mitte vierzig erfährt, dass der Mann, den sie ihr Leben lang Papa genannt hat, nicht ihr leiblicher Vater ist. Und es gibt Till, der erst spät von einem Halbbruder erfährt, den es schon länger gibt als ihn selbst, nur hat ihm nie jemand davon erzählt. Margarete erfährt erst mit fünfzig, dass der Tod ihres Vaters, den sie ihr Leben lang für einen Unfall gehalten hat, in Wahrheit ein Suizid war.

Und ich habe Frau Lehmann kennengelernt, die erst im hohen Altern von der verschwiegenen Liebe der Großmutter zu einer anderen Frau erfahren hat und dadurch ein tieferes Verständnis zur eigenen Identität finden konnte. Entscheidend ist nicht die Geschichte, sondern etwas anderes, nämlich wie stabil die Beziehungen im familiären System bereits sind und wie viel Resilienz ein Mensch mitbringt, wenn der Boden unter ihm für einen Moment wegzubrechen scheint.

Genau darin liegt auch meine wichtigste Aufgabe. Ich schaue immer sehr genau hin, wo die Grenze meiner Arbeit verläuft. Vieles kann ein Mensch allein bearbeiten, mit Zeit und Geduld. Oftmals hilft ein gut geschriebener Ratgeber oder ein Gespräch mit einem nahestehenden Menschen. Anderes kann in der Begleitung in einem Coaching oder in einer Mediation bearbeitet werden, je nach Konstellation.

Wenn es um das Sortieren von Gefühlen geht oder um die Frage, wie man mit den Menschen sprechen kann, die einem dieses Geheimnis so lange vorenthalten haben, ist man hier gut aufgehoben. Allerdings gehört anderes eindeutig in einen anderen professionellen Kontext, in die Psychotherapie, dorthin, wo es um mehr geht als um Kommunikation und Klärung der Bedürfnisse.

Was mir über die Jahre immer klarer geworden ist, ist die Erkenntnis, dass es die eine normale Familie nicht gibt. Jede Familie trägt ihre eigenen Besonderheiten, ihre stillen Übereinkünfte, ihre Geschichten, die aus Rücksicht, aus Scham oder aus schlichter Sprachlosigkeit nie erzählt wurden. Manche dieser Geheimnisse bleiben ein Leben lang unter der Oberfläche, andere kommen irgendwann ans Licht, durch einen unerwarteten Fund, durch eine Offenbarung am Sterbebett oder durch einen zufälligen Satz auf der Familienfeier.

Dann muss die eigene Biografie neu gelesen werden, und das braucht vor allem die Erlaubnis, all das zu fühlen, was hochkommt, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Was mich in diesen Momenten immer wieder berührt, ist die Möglichkeit, die trotz allem bestehen bleibt, denn auch nach Jahren der Distanz oder eines vollständigen Kontaktabbruchs ist eine Mediation möglich, wenn alle Beteiligten sich wieder begegnen möchten und emotional stabil genug dafür sind.

Dies sorgfältig zu prüfen ist eine wichtige Aufgabe zu Beginn eines Prozesses, da eine zu früh angesetzte Begegnung mehr schaden als nützen kann. Sind Bereitschaft und innere Stabilität vorhanden, entsteht oft etwas, das ich mit großer Demut begleite: Menschen finden zueinander zurück, nicht, weil das Geschehene ungeschehen gemacht werden kann, sondern weil ein neuer, ehrlicherer Boden entsteht, auf dem sich eine Beziehung wieder aufbauen lässt.

Hin und wieder kommt es allerdings auch vor, dass genau die Menschen, die für eine Aufklärung und Bearbeitung eigentlich gebraucht würden, nicht mitwirken können, sei es, weil ihnen eine solche Begegnung emotional zu viel abverlangen würde, sei es, weil sie längst nicht mehr am Leben sind. Hier ensteht dann eine Aufgabe, die sich nicht abkürzen lässt, nämlich die Trauer über die unbeantwortbaren Fragen selbst zuzulassen.

Nicht jede Lücke lässt sich schließen, und ein wesentlicher Teil meiner Arbeit besteht darin, Menschen dabei zu begleiten, mit einem bleibenden Nichtwissen zu leben, ohne dass es sie weiter lähmt.

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