Was hätte István, die Hauptfigur dieses Romans, wohl dazu gesagt, wenn er erfahren hätte, dass das Buch, in dem er den Helden gibt, soeben mit dem Booker Prize als bestes englischsprachiges Buch des Jahres ausgezeichnet worden wäre? Er hätte es gewiss mit einem "Okay" zur Kenntnis genommen, denn das ist das Wort, das er am häufigsten verwendet.
István stammt aus Ungarn, ist sehr schüchtern und isoliert von seiner Umwelt. Er ist kein Macher und Anpacker, sondern nimmt das Leben hin. Er begegnet ja genügend Gestaltern von Beziehungen, da kann er sich zurückhalten. István macht mit, wird gebraucht und auch missbraucht, braucht und missbraucht im Gegenzug allerdings auch die anderen. István ist kein heiliger Schweiger, der erhaben über dem Alltag steht. Er macht mit, wenn auch nicht als Impuls, so doch als Schwungmasse.
So ähnlich wie Istváns enthaltsames "okay" ist auch die Erzählhaltung von David Szalay. Er spielt sich nicht als wertender oder moralisierender Erzähler in den Vordergrund, sondern zeigt uns Leserinnen und Lesern das Leben Istváns. Das man da beim lesen manchmal empört "Stopp!" ruft, vor Entsetzen den Kopf schüttelt oder applaudiert vor menschlicher Größe ist einkalkuliert und uns überlassen. Dieser Text existiert erst durch sein Gegenüber.
Das die Jury einen Roman mit derart belanglosen Dialogen dennoch als bester englischsprachiger Roman auszeichnet, ist mutig. Szalay zeigt uns, dass eben nicht alles im Wort liegt. Der deutsche Titel spielt auf diese Bedeutungsebene an, "Was nicht gesagt werden kann". Der Originaltitel "Flesh" jedoch, der als "Fleisch" oder "Leib" übersetzt werden könnte, trifft die intensive Körperlichkeit dieses Romans direkter.