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Grüne Welle von Esther Schüttpelz

Dienstag, 24. März 2026
Advertorial
Grüne Welle von Esther Schüttpelz
Grüne Welle
von Esther Schüttpelz
Diogenes Verlag
...
25 €

Eine Frau steigt nach dem Kinobesuch in ihr Auto und fährt stadtauswärts. Life is a Rollercoaster tönt aus dem Radio, sie fährt auf die Umgehungsstraße zur Autobahn, die Welt um sie herum ist dunkel, einzig das grün schimmernde Licht der Ampeln erhellt die Umgebung. 

Ist das eine Flucht? Ein One-Night-Stand? Ist das die klassische "Ich bin mal kurz weg"-Geschichte? Die Frau, über die es positiv ausgedrückt einmal heißt, sie sei intuitiv, folgt einem Funken Spontaneität, "der so etwas wie Intuition zum Verwechseln ähnlich gewesen war". Negativ ausgedrückt gilt die Frau, deren Namen wir nicht erfahren, als verpeilt.

Esther Schüttpelz gelingt es, das Spektrum an Möglichkeiten in dieser scheinbar altbekannten Situation in ganzer Breite aufrechtzuerhalten. Sie entscheidet nichts eindeutig, es könnte alles so oder so sein. Von positiv intuitiv bis negativ verpeilt bleibt hier alles möglich, jede Lesart gleich wahrscheinlich. Wir Leser sind gefordert. 

Wir befinden uns mit der Frau im Auto, sitzen quasi als Komplizen auf dem Beifahrersitz. Schüttpelz erzählt nicht aus dem Inneren der Figur, aber sie wählt eine intime Nähe, die manchmal einladend abenteuerlich ist, manchesmal aber auch verstörend fremd. Der von Blech umschlossene Raum der Fahrerkabine gerät zu einer Metapher für das Unausweichliche des eigenen Denkens und Betrachtens. So lange die Fahrt dauert, kommt man nicht heraus. Wir folgen der Frau also in ihrem spontanen Entscheiden: Immer weiterfahren? Abbiegen? Umdrehen? Inzwischen spielt das Radio I'm a survivor von Destiny's Child. Doch der Frau kommt das unangemessen vor zur Nachtzeit, "Beyoncé sollte aufhören, hier alles zusammenzuschreien".

Es sind Details wie solche, mit denen Esther Schüttpelz die Erwartungen, die mit einer Road-Novel einhergehen, bricht. Der Soundtrack ist da, aber in anderer Atmosphäre als erwartet. Und wenn sich dann doch die unvermeidliche Wendemöglichkeit ergibt, wenn die Ampel rot wird oder der Tank sich leert, was dann? Jedenfalls nicht das, was andere schon erzählt haben.  "Manches war nur zu ertragen, wenn man es unvermittelt erlebte", heißt es einmal. Und diesen Geist der Unmittelbarkeit und Unberechenbarkeit hält Esther Schüttpelz im Text wach. Das Radio spielt dazu Amy Winehouse, "They tried to make me go to Rehab, but I said No No No".

Die innerliche Ampel der Frau bleibt auf Grün, sie hatte die "jahrelang währende Rotphase bisher gar nicht bemerkt". Die Frau fährt zwar unter Spannung, aber nicht mit erhöhter Geschwindigkeit. Äußerlich ist sie eine normale Fahrende, innerlich aber ist sie rau und wund.

"Grüne Welle" ist kein Abenteuerroman, keine nostalgische Weltflucht mit einem VW der Rolling Stones-Edition, diese Frau trägt etwas mit sich, von dem man sich nicht mit Hilfe des Gaspedals entledigen kann. Esther Schüttpelz hat einen höchst kunstvoll komponierten, attraktiv verknappten Roman geschrieben. Die Leitmotive erhöhen einander aufs wunderbarste. Wir erleben die Schönheit der Nacht, das Existenzielle des Alleinseins und mit dem dämmernden Tag öffnet sich auch langsam der Blick auf eine grenzüberschreitende soziale Konstellation außerhalb des Autos. Das Radio spielt dazu das verführerische Sympathy for the Devil.

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