Alba fängt neu an. – Bisher wohnte sie urban, lebte als Professorin für Linguistik in der Großstadt. Als ihr ein karges Grundstück mit altem Haus angeboten wird, lässt sie den Gedanken eines Ferienhauses gegen alle Widersprüche ihres Umfeldes zu. Ein Landhaus auf Island? Bei den Witterungsbedingungen? Doch Alba denkt größer, in längerem Zeithorizont als dem Jetzt. Sie beginnt zu recherchieren, welche Bäume dem scharfen Wind standhalten und die Steppenlandschaft über Jahre verändern werden. Denn die Winter sind auch hier milder geworden, ein Überwintern scheint möglich.
Über diejenigen, die ihr beim Umbau des Hauses helfen, lernt sie die Mitmenschen des Dorfes kennen, beispielsweise den Sohn der eingewanderten Klempner, der als Dolmetscher zwischen seinem Onkel und den Kunden fungiert, weil er der einzige ist, der ein paar Worte isländisch spricht. Ihm hilft sie in die Sprache, ins Leben auf Island.
Überhaupt, diese isländische Sprache! Über den Konstruktionskniff des sprachfokussierten "linguistischen Gehirns" von Alba bringt die Autorin mannigfache Reflexionen über das Wesen der Sprachen in den Text, allesamt erhellend und neugierweckend auf die Schönheit und Bedeutungsvielfalt einer anderen Sprache. "An einem Tag sagt jemand in einer Sprache, ich liebe dich oder ich habe Hunger, und am nächsten Tag wird sie von niemandem mehr gesprochen."
Ólafsdóttir jongliert mit bedeutungsschweren Themenbällen. Es geht um Herkunft und Ankunft, um Klimawandel, Empathie und Korrumpierbarkeit. So aufgezählt, hat es schnell den Eindruck der Beliebigkeit. Aber so wie Ólafsdóttir diese Geschichte zu erzählen vermag, macht alles Sinn und fügt sich ineinander als Ganzes. Selbst eine Kapitelüberschrift wie "Die Reflexivverben verrechnen sich" hat in ihrem Erzählen nichts trocken akademisches, selbst die Vokabelliste des Klempnergehilfen bekommt im Kontext des Romans etwas zauberhaftes: Warmwasserversorgung - Hitaveita; Mischbatterie - Blöndunartæki; Trinkwasserleitung - Neysluvatnslögn.
"Eden" feiert das Glück der thematischen Vertiefung aufs höchste. Diese überbordende Freude über Details, Entdeckungen und sprachliche wie menschliche Verhältnisse ist pures beglückendes Lesen!
Aus dem Isländischen von Tina Flecken