Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.
Als Merle das erste Mal vor ihrem neuen Team stand, war die Stille im Raum nicht die einer fröhlichen Erwartung. Es war die Stille von Menschen, die in letzter Zeit viel erlebt hatten und nun abwarteten, was dieses Mal anders werden würde. Strukturelle Veränderungsprozesse hinterlassen Spuren, auch wenn die Organigramme längst wieder ordentlich aussehen. Manche Spuren sind sichtbar, andere nicht.
Das Team hatte einen strukturellen Umbau hinter sich, der nicht nur Rollen und Zuständigkeiten verschoben hatte, sondern auch Vertrauen. Dinge, die als selbstverständlich galten, waren plötzlich unsicher geworden. In solchen Phasen entstehen Spannungen, die nicht immer benannt werden, weil alle irgendwie funktionieren müssen. Der Alltag gibt keinen Raum für das, was eigentlich gesagt werden sollte.
Merle war neu genug, um nicht in alten Mustern gefangen zu sein, und gleichzeitig klug genug zu wissen, dass sie erst zuhören musste, bevor sie gestalten konnte. Also machten wir uns gemeinsam an die Arbeit. Wir schauten in drei Richtungen. Zuerst auf das, was gut war und gut geblieben ist, auf das, was beibehalten und bewahrt werden sollte.
Das ist keine Selbstverständlichkeit in Veränderungsprozessen. Oft liegt der Fokus auf dem, was nicht stimmt, und das, was trägt, wird dabei unsichtbar. In diesem Team gab es einiges davon. Eine grundsätzliche Verlässlichkeit füreinander, ein Humor, der auch in schwierigen Momenten da war, fachliches Können, auf das man sich stützen konnte. Solche Dinge zu benennen ist keine Nostalgie. Es ist eine Ressource.
Dann schauten wir auf das, was verändert werden sollte, nicht weil es falsch war, sondern weil es noch nicht ausreichend war. Was musste vermehrt werden, was vermindert? Wie viel direkte Kommunikation gab es wirklich? Wie klar waren Entscheidungswege? Wie oft wurde Lob ausgesprochen, und wie oft wurde Kritik nur zwischen den Zeilen platziert? Das sind die Fragen, die selten explizit werden, weil sie unbequem sind, aber die den Ton eines Teams täglich bestimmen.
Die dritte Richtung war die schwierigste. Was musste revolutioniert werden, also vernichtet und ersetzt? In solchen Prozessen ist es oft sinnvoll, nicht mit den leichten Dingen zu beginnen, nicht mit den Low-hanging-fruits, sondern dort, wo es am meisten brennt. Viele Teammitglieder möchten an dieser Stelle nicht hinschauen, weil es wehtut.
Weil dort die Enttäuschungen sitzen, die Missverständnisse und Verletzungen, die Momente, in denen man sich nicht wahrgenommen gefühlt hat. Und doch: Wenn es hier Einigungen gibt, Verständnis und wenn hier Verabredungen entstehen, fällt alles andere leichter. Es ist, als würde man einen Knoten lösen, um den herum sich alle anderen Fäden verheddert hatten.
Es gab Momente in der Arbeit, in denen der Raum schwerer wurde. Wenn jemand etwas aussprach, das lange ungesagt geblieben war, und alle kurz innehielten, weil es stimmte. Weil es alle gespürt hatten, aber niemand den ersten Schritt gewagt hatte. Das ist der Punkt, auf den es ankommt, nicht die Perfektion der Formulierung, sondern der Mut, anzufangen.
Am Ende standen unterschiedliche Verabredungen. Keine großen Versprechen, keine vollmundigen Visionen, sondern konkrete, erreichbare Dinge. Wie man miteinander reden will, wenn etwas nicht stimmt. Was Merle braucht, um führen zu können, und was das Team braucht, um geführt werden zu wollen. Wie man mit der Geschichte umgeht, ohne in ihr stecken zu bleiben.
Und dann war da noch etwas, das sich schwer in eine Verabredung fassen lässt. Eine Wärme im Raum, die am Morgen noch nicht da gewesen war. Keine Euphorie, kein überschwängliches Neuanfangsgefühl, sondern etwas Ruhigeres. Eine Zuversicht, die nicht laut sein muss, um real zu sein. Die Art von Aufbruch, bei der man nicht weiß, wohin genau, aber bei der man weiß, dass man nicht mehr allein geht.