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Abschied(e) von Julian Barnes

Montag, 26. Januar 2026
Advertorial
Abschied(e)
von Julian Barnes
Kiepenheuer & Witsch GmbH
...
23 €

Von wievielen Autorinnen und Autoren wurden nach ihrem Tod schon hunderte, manchmal tausende Seiten aus dem Nachlass veröffentlicht. Wieviele Seiten hat man schon mit schalem Gefühl gelesen, mit Unsicherheit im ästhetischen Empfinden, dass das hier die ehemals hochgeschätzte Literatur sein soll?!

Der große englische Meistererzähler Julian Barnes möchte so etwas eben nicht hinterlassen, weder ein halb fertiggestelltes Manuskript, noch unkomponierte Schnipsel oder Ideen. Und vor allem möchte Julian Barnes nicht vom Tod aus der Arbeit gerissen werden, er sucht stattdessen mit diesem Buch "Abschied(e)" den selbstbestimmten Abgang von der Bühne des Schreibens.

An Klarheit und Courage ist das nicht zu überbieten. Im Angesicht seines 80. Geburtstages und einiger körperlicher Malaisen weiß er um die akute Endlichkeit seines Lebens und Werks und nimmt den Hut mit einer Verbeugung. Nicht einfach in Form einer Internet-Information, eines Galaabends mit Gespräch und Huldigungen, sondern ganz bei sich und dem, was ihn seit Jahrzehnten ausgezeichnet hat, dem verspielten Erzählen.

Das (e) im Titel deutet es ja bereits an: Dies ist keine ausschließlich selbstbezogene Farewell-Runde um Applaus einzuheimsen, vielmehr knüpft Barnes mal wieder einen Motivteppich um das Thema Vergänglichkeit und Tod, der auch andere Leben und Geschichten als die seine meint und erzählt. Außerdem steckt in dem Titel bereits eine Auffächerung von Lesarten, präsentiert eine herrlich selbstironische Geste, die auch im Angesicht der letzten Dinge einen augenzwinkernden Scherz nicht auslässt.

Die erwartbare Erzählung von körperlichem Verfall und letzten Worten an Freunde und Weggefährten ist bei dem gesetzten Thema obligatorisch, wer das nicht mag, sollte das Buch auf keinen Fall aufschlagen. Doch überraschenderweise enthält Barnes' Mischung aus essayistischem und fiktivem Schreiben auch eine anrührende Liebesgeschichte, die sein Lieblingsthema Verlässlichkeit der Erinnerung nochmal durchspielt und die in ihrer Leichtigkeit aufzeigt, was für ein gekonnt luftiger Erzähler dieser Autor ist.

Alles andere an diesem Text entzieht sich der Kritik eigentlich durch seine existenzielle Rahmung. Im Angesicht eines letzten Buches ist es so fundamental gleichgültig, ob Kritiker den Text für gelungen halten oder nicht, ob jemand die Kunst der Komposition preist oder Redundanzen aufdeckt, mit der Ankündigung des Abschieds tritt man in eine andere Sphäre der Beurteilung ein.

Dieses Buch ist sehr intim zwischen Autor und Leser geknüpft. Wer sich bisher von diesem Julian Barnes hat begleiten lassen, der schreitet den gemeinsamen Lese- und Lebensweg auch noch aus.

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