Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.
Das neue Jahr steht plötzlich da, noch ein bisschen im Feiertagsmodus, noch nicht ganz sortiert, und man schaut es an wie eine frische Seite im Notizbuch und denkt: Na gut, dann mal los. Neustart nennen wir das dann. Viele nehmen sich etwas vor, und das ist irgendwie schön. Weniger Zucker, weniger Alkohol, mehr Bewegung, mehr Disziplin. Der Körper als Projekt, das neue Jahr als Motivation.
Das ist nicht falsch, im Gegenteil. Sich um sich selbst zu kümmern, ist ein guter Anfang. Vielleicht sogar ein notwendiger. Trotzdem bleibt da manchmal das Gefühl, dass noch Platz ist für andere Vorsätze. Für solche, die man nicht zählen, messen oder abhaken kann. Keine App und kein Vorher-Nachher-Foto und nichts, was man teilen müsste.
Man könnte sich vornehmen, ein bisschen besser mit seinen Mitmenschen umzugehen. Wirklich zuzuhören. Geduld zu haben und nachsichtiger zu sein. Im Privaten, in der Familie, im Freundeskreis und ja, auch im beruflichen Alltag, im Team, zwischen Meetings und Mails. Freundlichkeit ist kein Soft Skill, sondern ein Fundament und bestimmt ein radikaleres Vorhaben, als jeder Fitnessplan. Vielleicht ist genau jetzt die Zeit, mit alten Konflikten aufzuräumen und bestehende Spannungen zu lösen.
Im Südwesten von Berlin ließ sich das gerade ganz praktisch beobachten. Weitflächiger Stromausfall! Kein Licht, kein WLAN, keine Heizung. Plötzlich standen Menschen in der Nachbarschaft vor den Türen, boten heißen Tee an, reichten Taschenlampen und Kerzen, fragten, ob alles in Ordnung sei. Familien und ältere Menschen bekamen Gästezimmer und Ferienwohnungen angeboten, ganz selbstverständlich. Ein unfreiwilliger Workshop in Menschlichkeit. Ohne Präsentation und ohne Agenda. Einfach so.
Vielleicht liegt genau darin ein Vorsatz für das neue Jahr. Nicht nur an sich selbst zu arbeiten, sondern auch an dem, was uns verbindet. Etwas für die Gesellschaft zu tun oder für die Umwelt. Für die Demokratie. Die Aufgaben sind groß, manchmal überwältigend, und mit Sicherheit muss man sie gar nicht alle auf einmal lösen (können), denn ein kleiner Anfang reicht vollkommen aus. Es braucht nur eine Idee, etwas Aufmerksamkeit und einem Schritt hinaus aus der eigenen Komfortzone.
Frei nach Rutger Bregman und seinem Gedanken aus „Im Grunde gut“: Der Mensch ist gut und er braucht einander. Es geht um Kooperation statt Konkurrenz, um Vertrauen statt Kontrolle und um die Erkenntnis, dass nicht der Mensch das Problem ist, sondern oft die Systeme, in denen er lebt. Es geht nicht um Naivität oder die Behauptung, alles sei immer gut, sondern um eine realistische, wissenschaftlich begründete Sicht auf menschliche Zusammenarbeit.
Auch wenn im Außen viel Chaos, Ungewissheit und Krisen spürbar sind, sind wir nicht machtlos. Wenn wir im Kleinen Dinge verändern und anstoßen, entsteht Wirksamkeit. Und daraus kann Hoffnung wachsen. Für eine friedliche und demokratische Zukunft und für mehr Verbindung und mehr Empathie.
Das Schöne daran ist, dass es einen selbst mitverändert. Anderen zu helfen, etwas Gutes zu tun, verschiebt den Blick. Ob im Ehrenamt oder in einer kleinen, unscheinbaren Geste, jemandem den Vortritt lassen, Hilfe anbieten, Haltung zeigen. All das zählt alles, denn dadurch fühlt man sich wirksam und verbunden. Vielleicht ist das der eigentliche Neustart. Weniger Optimierung. Mehr Verbindung. Weniger „Ich müsste“ und mehr „Wir könnten“. Mit Liebe beginnen klingt einfach. Und vielleicht ist genau das der Vorsatz, der am längsten trägt.