Zoë Schlär ist seit fast 20 Jahren Mediatorin und versteht sich als Übersetzerin in Konfliktsituationen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Zudem ist sie Ausbilderin für Mediation, Trainerin und Systemischer Businesscoach. Für Creme Guides schreibt sie über festgefahrene Situationen, neue Begegnungsräume und das gegenseitige Verstehen, um nachhaltige Veränderung zu erreichen.
Es gibt Paare, die scheinen auf den ersten Blick alles richtig zu machen. Zwei gute Berufe, zwei Gehälter, ein Zuhause, in dem nichts dem Zufall überlassen wird. Und doch sitzen sie mir gegenüber und wirken, als würden sie sich seit Monaten nur noch im Vorbeigehen begegnen. So war es auch bei Sabrina und Daniel, die seit einiger Zeit zu mir in die Beratung kommen. Zwei Kinder: Sophia, vier Jahre alt, und Matteo, sechs. Matteo ist im Autismus-Spektrum und braucht eine Begleitung, deren Intensität sich nicht immer vorhersehen lässt.
Sabrina leitet die Rechtsabteilung eines großen deutschen Unternehmens, das gerade an vielen Stellen spart, nur an ihrer glücklicherweise nicht. Daniel ist Abteilungsleiter in einem mittelständischen Betrieb und sitzt im Betriebsrat. Als Matteos Diagnose kam, haben sie gemeinsam entschieden, dass Daniel seine Arbeitszeit reduziert, um ihn zu begleiten, zu Therapien zu fahren und Strukturen zu schaffen, die dem Jungen Halt geben. Sabrina hat dafür beruflich noch einen Gang zugelegt. Auf den ersten Blick eine saubere Aufteilung, aber im Gespräch zeigt sich schnell, wie viel Anspannung darin steckt.
In unseren Sitzungen reden beide viel, fast zu viel. Sie unterbrechen sich gegenseitig, als müssten sie beweisen, wie groß die Anstrengung ist oder auch aus Angst, sonst als das Elternteil zu gelten, das weniger leistet. Sabrina steht morgens um halb sechs auf, räumt die Küche auf, startet die Waschmaschine, bevor der Tag überhaupt begonnen hat. Ihr Anspruch an sich selbst macht vor niemandem halt, auch nicht vor Daniel, auch nicht vor den Kindern. Ihr Perfektionismus ist in dieser Familie fast ein weiteres Familienmitglied, mit dem alle leben müssen.
Was in solchen Konstellationen häufig verloren geht, ist nicht die Liebe, sondern der Blick füreinander. Sabrina und Daniel erzählen mir, dass sie sich als Paar aus den Augen verloren haben, während sie als Team funktionieren wie ein gut geöltes Räderwerk. Die Nähe ist nicht verschwunden, sie liegt nur unter so vielen Aufgaben begraben, dass sie kaum noch an die Oberfläche kommt. Die in den Sitzungen verabredeten Paar-Abende und die geplante Zeit zu zweit scheiterten jedoch an der Realität des Alltags.
Interessant wird es an dem Punkt, an dem beide begonnen haben, sich wieder etwas für sich selbst zu suchen. Daniel hat sich eine Siebträgermaschine angeschafft und zelebriert sein Barista Dasein mit einer Hingabe, die ihn selbst überrascht. Dazu hat er seine alte Gitarre und den Verstärker rausgeholt und trifft sich wieder mit alten Freunden, um Musik zu machen. Sabrina ist über Umwege beim Rennradfahren gelandet und verschwindet inzwischen an manchen Wochenenden für zwei, drei Stunden auf ihr Rad.
Zunächst klang all das in unseren Gesprächen wie ein weiterer Posten auf einer ohnehin überladenen Liste. Aber es zeigt sich etwas anderes, etwas, das zunächst paradox klingt. Ausgerechnet mehr Tätigkeiten außerhalb der Familie, mehr Zeit, die jeder für sich allein beansprucht, führen dazu, dass sie sich als Paar wieder in einer Leichtigkeit begegnen, die lange gefehlt hat. Sie freuen sich wieder aufeinander, weil sie gelernt haben, auch mit sich selbst wieder gut zu sein. Es wird noch immer nicht alles geschafft: Irgendwo bleibt etwas liegen, ein Termin wird verschoben, und Sabrina ärgert sich darüber. Doch es nimmt nicht mehr den gleichen Raum ein. Denn beide spüren, dass sie wieder zu sich selbst finden und aus dieser Nähe zu sich selbst auch wieder zueinander. Sie sehen sich wieder an.
Darin liegt am Ende die eigentliche Aufgabe für Paare wie Sabrina und Daniel. Nicht noch mehr Organisation, sondern die Erlaubnis, an manchen unwichtigen Stellen etwas liegen zu lassen, damit an den wichtigen wieder Kraft ist. Wer gut für sich selbst sorgt, hat am Ende mehr zu geben, nicht weniger. Und wer sich diesen Raum nimmt, findet über kurz oder lang auch wieder zueinander, nicht trotz der vollen Tage, sondern mitten in ihnen. Wichtig ist in diesen Konstellationen aus meiner Sicht, dass beide etwas für sich gefunden haben und dadurch das Familiensystem nicht aus dem Gleichgewicht geraten ist.