„Wenn nur beide, das Politische und das Poetische, eins sein könnten! Das wäre das Ende der Sehnsucht und das Ende der Welt“ behauptete Peter Handke vor Jahrzehnten. Der Schweizer Autor Lukas Bärfuss nun war auf der Suche nach diesem Punkt jenseits der Sehnsucht und jenseits der Welt. Was 2022 mit dem Buch Vaters Kiste begann, vollendet sich nun mit Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter. Zuweilen erscheinen solche Bücher über das innere Ringen mit den Eltern ja allzu selbstgewiss, ähneln postpubertären Anklageschriften. Zu einer solchen Anklage hätte Bärfuss allen Grund.
Seiner Mutter war das eigene Freiheitsverlangen stets wichtiger als die Perspektiven des Kindes. Der Sohn war ihr eine Fessel, sie war auf Abenteuer aus, auf Männer. Genauso wie den Hund entsorgt sie auch den Sohn, für den sie keinen Platz und keine Verwendung hatte. Sie verkauft ihn als Knecht auf einen Hof, verlässt schließlich die gemeinsame Wochenendwohnung. Später unterschlägt sie das Bildungsstipendium, nimmt billigend die Obdachlosigkeit des Sohnes in Kauf. Nachvollziehbar, dass dieser eines Tages denkt "es wäre besser, wenn sie tot wäre, diese dumme, egoistische, verräterische, hurerische Schlampe". Wer würde ihm diesen Hass nach einer solchen Verwahrlosung übel nehmen?
An diesem Reflektionspunkt beginnt der Glanz des Textes. Aus dem Material ließe sich leicht Verurteilungskitsch fertigen, ein politischer Erregungs- und Anklagekitsch nach einer wahren Begebenheit. Wäre da nicht diese ehrwürdige, erhabene Erzählposition. Ist das Großzügigkeit? Nennt sich das Verzeihen? - Jedenfalls heißt es genau nach dem Todeswunsch an die Mutter: "Und er begreift im selben Augenblick, wie sinnlos und gefährlich dieses Gefühl ist, dieser Abgrund an Hass, der ihn zu verschlingen droht. Er wird den Blick in diesen Abgrund nicht ertragen, er wird ihn füllen wollen, mit Alkohol, mit Drogen, mit Heroin, er kann nicht zulassen, dass ihn dieser Hass verbrennt."
Am Ende wird es dem Erzähler gelungen sein, das Politische, das Poetische und das Private zu einen. Karl Ove Knausgård hat diesem inneren Ringen um Einheit seine Bücher Min Kamp 1 - 6 gewidmet, mehrere tausend Seiten. Lukas Bärfuss tut es ihm in puncto Aufrichtigkeit, entwaffnender Offenheit, Reflektionsniveau und Formenvielfalt gleich, nur braucht er dafür gerade einmal 220 Seiten. "Königin der Nacht" könnte ein Essay sein, genauso wie ein Zwiegespräch, eine Selbstreflektion oder ein Requiem, eine Annäherung, Erzählung oder Auseinandersetzung. Es ist alles gemeinsam, verdichtet auf höchstem Niveau. Lukas Bärfuss ist ein harter Text gelungen, ein rohes Schreiben, das den schonungslosen Ereignissen gerecht wird. "Er weiß, es liegt kein Sinn und keine Erklärung in seinem Schicksal".