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Ziegen kennen keinen Feierabend Sarah Spindler vom Karolinenhof im Porträt

Sonntag, 12. September 2021
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Öffnungszeiten

Saison 2021 vom 12. Februar bis 14. November

Freitag 11-19 Uhr
Samstag + Sonntag 9-19 Uhr

Von Montag bis Donnerstag kein Cafébetrieb/Hofverkauf!

Adresse

Ziegenkäserei & Wiesencafé Karolinenhof
Karolinenhof 1
16766 Kremmen
Anfahrt planen

Kontakt


+49 339 226 01 90
guter-ziegenkaese.de

Sarah Spindler kümmert sich auf dem Karolinenhof um rund 120 Ziegen. Aus ihrer Milch macht sie köstlichen Käse, den sie im eigenen Hofladen und -Café verkauft. Wochenende oder Feierabend kennen die Ziegen nicht.

„Geh ruhig in den Stall, die Ziegen freuen sich auch über ein bisschen Abwechslung!“, ermuntert mich Sarah. Im Zickleinstall umringen Sarah und mich lauter Babyziegen, als ich dort bin, ist es gerade Lammzeit. Sie knabbern an meinen Schuhen, meinem Mantel, meiner Hose. Hinter uns scheppert es: das Zicklein Klitzeklein ist ausgebrochen, auf einen Stuhl geklettert und damit umgefallen. Wir lachen. Ziegen haben ihren eigenen Kopf, das liebt Sarah an ihnen. „Momentan brechen sie ständig aus dem Stall aus. Mit ihnen ist es immer lustig.“

Sarah Spindler betreibt mit ihrem Mann Sebastian die Käserei und den Karolinenhof mit rund 120 Milchziegen. Zum Ziegenhof machten ihn Gela Angermann und ihr verstorbener Mann Roger Lemke. 1991 kaufen sie den alten LPG-Hof, damals ist es ein Rinderhof. Gela und Roger wollen auf dem Karolinenhof Ziegenkäse herstellen und im nahen Berlin verkaufen.

Sarah Spindler und Mann Sebastian vom Karolinenhof in Kremmen
Sarah Spindler mit einem ihrer Schuetzlinge

Wenig später haben sie 45 Ziegen, der Karolinenhof-Käse spricht sich schnell herum. Gela und Roger verkaufen ihn ab Hof, nach und nach entwickelt sich eine Gastronomie, um die sich Gela bis heute kümmert. Im Café gibt es alles von der Ziege: Ziegenmilchcafé, Ziegengulasch und sogar Ziegenkäsekuchen. Und immer auch etwas ohne Ziege „für Leute, die mitgeschleppt werden. Aber viele können wir hier auch bekehren“, sagt Sarah stolz.

Als junge Frau aus Berlin Prenzlauer Berg fühlt sie sich zur Natur und zu Tieren hingezogen, dass Landwirtschaft ein Ausbildungsberuf ist, weiß sie damals nicht. „Als Stadtkind dachte ich, man wird als Bauer geboren und übernimmt dann einen Hof“, gesteht sie. Nach ihrem Abschluss macht sie ein Freiwilliges Ökologisches Jahr auf der Domäne Dahlem, wo sie sich in die Landwirtschaft verliebt.

Zu Beginn des FÖJ bekommt sie ein Kälbchen zugeordnet, das sie übers Jahr aufzieht. Auf der Domäne Dahlem spielen Rinder, insbesondere alte Rassen, eine große Rolle im Hofalltag. Sie sind nicht nur Milch- und Schlachtrinder, sondern werden auch landwirtschaftlich genutzt oder ziehen Kutschen. Sarah lernt dort auch, wie man einen Acker mit einem Ochsen pflügt – und wie man einen reitet: „Da ist sehr viel Masse, das ist sehr schwabbelig“. Die Faszination für Kühe und Rinder lässt sie nicht los. Nach dem FÖJ beginnt sie ihre Ausbildung zur Landwirtin auf dem Ökohof Kuhhorst – und findet eine Wohnung bei Gela auf dem benachbarten Karolinenhof.

Nach der der Ausbildung, bei der sie ihren Mann Sebastian kennenlernt, studiert sie Landwirtschaft. Ihr gemeinsames Auslandssemesters verbringen sie auf einem schwedischen Ziegenhof. Dort steht Sarah das erste Mal in der Käserei. Gela verfolgt das Ganze via Social Media. Bei ihrer Rückkehr fragt sie das befreundete Paar, ob sie sich den Betrieb des Karolinenhofs vorstellen können. Mittlerweile kümmern sich Sarah und Sebastian um die Ziegenherde, deren Lämmer, die Käserei, Käseverkauf und -vermarktung.

Neben den Ziegen leben hier noch zwei große weiße Hütehunde der italienischen Rasse Maremmano Abruzzese. Weil der Wolf sich seit einigen Jahren wieder regelmäßig in Brandenburg zeigt. Dazu ein Pony und ein Esel, eine Katze und ein paar Hühner, die im Sommer frei auf dem Hof umherlaufen. Die 30 Hektar Land dienen der Beweidung und Heuherstellung. In den letzten Jahren pflanzten sie dort zur Zufütterung auch Getreide an, doch „in einem Jahr ist es uns komplett abgesoffen, in den letzten dann verdorrt.“

Inzwischen kaufen sie das Getreide wegen Klimawandel und extremen Wetterbedingungen lieber zu. In Bio-Qualität versteht sich, denn das ist Sarahs tiefe Überzeugung. Schon als sie mit 16 mit einer Freundin in eine WG zieht, haben sie Ökostrom, kaufen trotz kleinem Budget tierische Lebensmittel nur Bio. „Ich habe auch Freunde, die sind konventionelle Bauern. Aber das käme für mich einfach nicht in Frage.“

Dafür hat sie mehrere Gründe. Keinesfalls will sie von großen Saatgutfirmen abhängig sein; für Monsanto und Bayer hat sie wenig gute Worte übrig. Außerdem liebt sie die enge Arbeit mit den Tieren und die Einheit mit der Natur: „Wir nehmen das, was wir von der Natur bekommen und arbeiten damit.“ Das ist anstrengend.

Gerade in der Lämmerzeit. Ziegen gebären zwar eigenständig, aber bei 120 Ziegen ist immer was los. Erst am Abend vor meinem Besuch verhält eine Ziege sich merkwürdig. „Ich habe sie untersucht und festgestellt, dass da ein Zicklein im Geburtskanal festsaß.“ Sarah demonstriert das, indem sie sanft nach den kleinen Hinterläufen einer der sie umringenden Zicklein greift und das Hinterteil voran schiebt. „Wir haben den Tierarzt gerufen und festgestellt, dass da noch zwei weitere im Mutterbauch waren... Sie sind munter, alles ist gut gegangen“, Sarah klingt routiniert, aber auch etwas Stolz. Die Ziegen kennen halt keinen Feierabend.

Als Sarah mir mir den Melkstand zeigt, folgt uns das frischgeborene Lämmchen „Klitzeklein“. Sie wird beim Melken mitversorgt, weil sie die künstlichen Melkzitzen im Gehege nicht annimmt. Klitzeklein schnuppert neugierig umher, Sarah nimmt sie auf den Arm und kuschelt ihr Gesicht ins weiche Fell des Zickleins.

Um kontinuierlich Milch zu geben, müssen Ziegen Nachwuchs bekommen. Das wüssten viele Menschen nicht. Sarah begreift ihren Beruf auch als Aufklärung, gerade für Stadtkinder wie sie es einst war. Viele Menschen aus der Stadt wissen nichts über die Tiere, deren Produkte sie konsumieren. Bis zu 20 Sorten Rohmilchkäse fertigt Sarah in der hofeigenen Käserei. Sie zeigt den Kund:innen, wie man Käse macht und desillusioniert auch: Die süßen Lämmchen müssen irgendwann geschlachtet werden.

Schließlich kann Sarah nicht alle aufziehen. Rund 25 Lämmer behält sie zum Fortbestand der Herde, der Rest wird von einem konventionellen Schlachter der Gegend geschlachtet. Der nächste Bio-Schlachtbetrieb wäre einige Stunden entfernt. „Das möchten wir unseren Tieren einfach nicht zumuten.“ Der Karolinenhof ist Bio-zertifiziert, das Ziegen-Fleisch ist es nicht.

Die Zertifizierung richtet sich bei Schlacht-Betrieben nicht nach dem Umgang mit dem Tier. Ihr Schlachter geht mit ihren Ziegen respektvoll um. Das weiß sie auch ihren größtenteils privaten Kund:innen zu vermitteln. Ihr begeistertes Feedback, dazu die Arbeit mit Tier und Natur erfüllt die geborene Berlinerin, „man sieht am Abend, was man geschafft hat.“

Und doch tut es manchmal gut, rauszukommen. Das schätzt sie ganz besonders an der Nähe zu Berlin, wo sie viele Freunde hat. „In 30 Minuten bin ich im Prenzlauer Berg.“ Letztes Jahr war sie mit einer Freundin in Schottland. Längere Auszeiten sind aber selten. Der Hof, die Ziegen, der Käse, dafür ist sie verantwortlich.

Tauschen würde sie trotzdem nie. „Wenn ich im Lotto gewinnen würde, würde ich hier alles einmal von Grund auf schick zu machen“, sagt sie mit leuchtenden Augen und zeigt auf den alten Stall, das Dach, wo es manchmal durchregnet. Nur die Rinder haben Sarah noch nicht so richtig losgelassen. Irgendwann will sie wieder welche halten. Eine alte Rasse wie auf der Domäne Dahlem fände sie toll.

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