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Kaffeeröster Elisabeth & Wilhelm Andraschkos Lieblingsorte in Berlin

Dienstag, 10. Mai 2016
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Sie gehören zu Berlin wie der Espresso zu Italien: Wilhelm und Elisabeth Andraschko. Wie kaum jemand sonst prägten und prägen die beiden gebürtigen Wiener seit Jahrzehnten die Berliner Kaffeeszene. Sie waren Teil des legendären Café Einstein, zeichneten Verantwortlich für weitere stilvolle Cafés in der zusammenwachsenden Hauptstadt und brachten uns die ersten Coffeeshops mit erstklassigem Coffee to go.

Mit gerade mal 23 Jahren war Wilhelm Andraschko 1979 in die unter Künstlern damals schon schwer angesagte Stadt gekommen. "Ein kleines verträumtes Nesterl war Wien damals im Vergleich", erinnert er sich. Nähe zur Heimat fand er im neu eröffneten Café Einstein in der Kurfürstenstraße, wo die Österreicherin Uschi Bachauer in einer geschichtsträchtigen Villa die Renaissance der Berliner Kaffeehauskultur anberaumt hatte. 1980 wurde er ihr Geschäftspartner und das Thema Kaffee zu seiner Leidenschaft.

Bei Andrea Trinci, einer der besten Röstereien Italiens, ließ man die ersten eigenen Bohnen rösten. Er wurde Mitglied in der SCAA, der amerikanischen Specialty Coffee Association. Er lernte die Starbucks-Gründer kennen, die er rückblickend als "nette, eher alternative Leute" beschreibt. Dabei habe die ganze Kaffeebewegung, ihren Anfang genau genommen mit dem Pioneer Alfred Peet in Berkley genommen. Er hatte das individuelle Rösten nach Amerika gebracht und 1966 hier den ersten Coffeeshop weltweit eröffnet.

Man habe "die große Maschine" nicht mehr mitmachen wollen und nach Alternativen gesucht. Man wollte bewusster Leben und in Folge auch einen achtsameren Umgang mit Kaffee. Es war eben jener selbe Impuls, der Wilhelm Andraschko bis heute antreibt und der auch das Café Einstein zum individuell gerösteten Kaffee brachte.

1992 lernte er über die Tochter "der Bachauerin" seine Frau kennen, die aus Wien kommend zum ersten Mal die Stadt besuchte. Zwei Wiener, die sich in Berlin verlieben. Vier Jahre später wurde geheiratet. Seither begleitet Elisabeth Andraschko mit ebenbürtiger Leidenschaft alle Projekte. 1995 das Café Restaurant Manzini. 1996 das Café Einstein unter den Linden. 1998 die ersten Einstein Coffeeshops.

Allesamt stilvolle, zeitlose Orte, die hinsichtlich ihres Interieurs und ihrer Corporate Identity heute noch ebenso gut funktionieren wie bei Ihrer Eröffnung vor nahezu zwanzig Jahren. Wahrer Stil vergeht eben nicht. Selbstredend kam auch der Kaffee mittlerweile aus der eigenen Rösterei, denn – und das ist Wilhelm Andraschko hinsichtlich der Coffeeshops ganz besonders wichtig – "Ein Coffeeshop ist immer das Resultat einer Rösterei und nicht umgekehrt."

Bis 2005 trennte man sich nach und nach von den Einstein-Anteilen und konzentrierte sich, der eigentlichen Leidenschaft folgend, einzig und allein aufs Rösten. Bis heute ist Andraschko Kaffee Manufaktur eine der Top-Röstereien Berlins, in der viel Leidenschaft in den Erwerb besonderer Ernten und bestmöglicher Röstverfahren investiert wird. Gerade konnte man sich beispielsweise wieder die Ernte des kenyanischen "Top of the Top" Kaffees Gatomboya sichern, der unter Spezialitätenröstern extrem begehrt ist, erzählt mir Andraschko und schaut verschmitzt wie jemand, der gerade einen letzten Keks stibitzt hat.

Was sie nicht machen sind "Kaffee-Blödheiten" wie beispielsweise den Kopi Luwak, dessen Bohnen den Verdauungstrakt von Fleckenmusangs – einer indonesischen Katzenart – passiert haben, bevor sie geröstet werden. Das hält er für Unsinn. "Wir bleiben da lieber traditionell und schauen auf Geschmack und Qualität", sagt er. Überzeugende Kriterien, die beide Andraschkos auch bei der Wahl ihrer Lieblingsorte ansetzen...

Paris Bar. Diese jahrzehntealte Berliner Institution an der Kantstraße bezeichnen die beiden selbst als ihr zweites Wohnzimmer. Von Anfang an seien sie hier ein und aus gegangen und träfen in der französischen Brasserie bis heute unverabredet Freunde und Bekannte. Das Essen sei unkompliziert und komme ohne das heutzutage allgegenwärtige TamTam aus. "Dort bekommt man verlässlich seine Sachen", meint Wilhelm Andraschko. Man wolle doch auch einfach nur mal essen.

Kuchi Kant. "Das Kuchi ist unsere Kantine", schmunzelt Elisabeth Andraschko. Hier holen sie meist mehrmals in der Woche ihr Essen. Schon eine gefühlte Ewigkeit seien sie große Sushi-Fans. Aktuelle Favoriten seien die flambierten Jakobsmuschel mit Masago, Lauch und scharfer Majo sowie die "My Best Friends Roll" mit Vegi-Tempura, Lachs und Kuchi-Soße.

Sissi. Das kleine österreichische Restaurant in Schöneberg zählt ebenfalls zu den festen Anlaufstellen der beiden. "Ein Ort für Seelenheil und Trost in der ruppigen Stadt", beschreibt es Elisabeth Andraschko. Die Weinauswahl sei hervorragend, das Essen solide und gut. Immer wieder gäbe es auch ein echtes Highlight, meint Wilhelm Andraschko. In der "Sissi-Torte", für die das Restaurant ebenfalls bekannt ist, werde im Übrigen auch ihr Kaffee verarbeitet.

Marina Lanke. Hier hat die Familie ein Bötchen liegen, mit dem sie im Sommer gerne über die Spree schippern. "Eine wirklich schöne Marina-Stimmung hat es hier", erzählen die beiden. Das Areal ist öffentlich zugänglich und bietet auch Gästen ohne Liegeplatz ein malerisches Plätzchen in der Natur. Fürs leibliche Wohl hat jüngst ein neues Fischrestaurant eröffnet, das sie allerdings noch nicht ausprobieren konnten.

Giro Coffee Bar. Die Kaffeebar in der Knesebeckstraße sei bei Tage die wichtigste Anlaufstelle, um unverabredet Freunde zu treffen. Der Betreiber Igor Pasch ist eigentlich Künstler und ein alter Freund von Wilhelm Andraschko. Klar, dass die Bohnen für den hiesigen Kaffee auch bei ihnen geröstet werden. Vor allem aber wird der Kaffee hier "super" zubereitet, schwärmen die zwei.

Historische Bauelemente. Ein Lieblingsort von Wilhelm Andraschko sei das Areal in Marwitz, auf dem sich alle nur erdenklichen alten Baustoffe und nostalgische Möbel zu einem großen Markt an antiken Raritäten vereinen. Er liebt es hier zu stöbern und der Handel sei eine schöne Alternative zu dem vermutlich weltweit einmaligen bayerischen Händler Luis Mock in Rott am Inn, einer "irren Welt" mit afrikanischen Skulpturen, Eams Chairs, alten Theken und ausgestopften Tieren. "Wie der Fundus vom Zircus Roncalli", schwärmt er mit leuchtenden Augen. Aber auch in Marwitz hat er schon die eine oder andere Entdeckung machen können.

Petit Royal. Ein erst kürzlich eröffneter, neuer Lieblingsort sei die kleine Dependance des Hotspots Grill Royal in Charlottenburg: "Das Interieur! Die Küche! Das ganze Lokal ist großartig!" schwärmt Elisabeth Andraschko. Die Karte sei etwas kleiner als im Stammhaus, aber ebenso gut und das Interieur deutlich intimer.

Goldhahn&Sampson. "Solche Läden brauchen wir viel mehr", meint Wilhelm Andraschko. "Ein toller Laden und ein echtes Statement für West-Berlin!" Hier könne man individuell einkaufen und bekomme erstklassige Produkte aus ganz Europa. Eine großartige Alternative zu der Flut an Supermärkten. Einfach nur dort zu sein, mache schon Freude.

Autorenbuchhandlung. "Eine Buchhandlung wie sie ein soll", beschreibt Elisabeth Andraschko das Geschäft in den S-Bahnbögen am Savignyplatz, zu dessen Stammkundschaft die beiden schon zählten als es sich noch in der Carmerstraße auf der anderen Seite des Platzes befand. Heute kann man hier auch Kaffee trinken und eine Kleinigkeit essen. Nur zu den dort häufig veranstalteten Lesungen schafften sie es aus Zeitgründen leider nie, sagt sie.

Gestalten Space Berlin. "Wunderschöne handgemachte Produkte kleiner Manufakturen und Designer gibt es hier", beschreibt Wilhelm Andraschko diesen Concept Store im Bikini Berlin. Er sei kein Freund von "Industrie-Trash" und hier fände er immer wieder außergewöhnlich schön Gestaltetes, das auch qualitativ überzeuge. Ein echter Lieblingsort!

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